Cheng Chongdou und seine Speertechnik

Die Ursprünge des Begriffs und der beschriebenen Bewegungen liegen aber offensichtlich nicht in der waffenlosen Kampfkunst – sondern in der Speertechnik der späten Ming-Zeit (1368-1644). Der 1561 geborene Cheng Chongdou (auch Cheng Zongyou) verwendet den Begriff Peng in seiner Abhandlung Changqiangfa tushuo, „Illustrierte Erläuterungen zur Technik des langen Speers“, um verschiedene nach oben gerichtete Abwehrbewegungen zu beschreiben. Auch hier steht der Bewegungsablauf und nicht die tiefere Mechanik und Bewegungsorganisation bei den technischen Erläuterungen im Vordergrund.

Nachfolgend eine kurze Übersetzung der vier Peng-Speertechniken, die in Chengs Abhandlung direkt nacheinander erläutert werden:

Huo peng dui jin qiangshi – „Speertechnik, bei der man mit genügend Spielraum nach oben abwehrt und entgegengeht“

Cheng Chongdou_1-Huo peng dui jin


„Ich steche auf deine Innenseite. Du wehrst meinen Speer nach innen ab [拿 na – ‚nehmen‘] und führst einen Stich auf meine Innenseite. Mit einem trippelnden Schritt weiche ich diagonal nach links vorne aus, wehre deinen Speer nach oben ab [peng] und führe einen Stich gegen dich.“

(Zur vergrößerten Ansicht jeweils auf das Bild klicken)

 

Huo peng tui tui qiangshi – „Speertechnik, bei der man mit genügend Spielraum nach oben abwehrt und kurz zurückweicht“

„FallCheng Chongdou_2-Huo peng tui tuis Du deinen Speer nicht bewegst, so steche ich auf deiner Innenseite zu. Du wehrst meinen Speer nach innen ab [na], führst eine Stich gegen mich mit einem Schritt nach vorne. Ich springe mit einem kreuzenden Schritt weg und hebe darauffolgend meinen Speer hoch, um deinen Speer nach oben abzuwehren [peng].
Bei den beiden oben geschilderten Techniken handelt es sich um die Methode ‚Abwehr nach oben mit Schritt zurück, um sich zu retten und zu schützen‘.“

 

Si peng dui qiangshi – „Speertechnik, bei der man in aussichtsloser Lage nach oben abwehrt und sich entgegenstellt“

Cheng Chongdou_3-Si peng dui qiang„Zuerst versetze ich deinen Speer nach innen [na], dann führe ich einen Stich allein mit einer Hand auf deiner Innenseite, wobei ich mich nach vorne lehne. Du wehrst meinen Speer nach innen ab [na] und versetzt ihn damit nach links in eine für mich aussichtslose Position. Du stichst mit deinem Speer geschwind auf mich zu. Ich komme nicht mehr dazu, mit der vorderen Hand den Speer zu greifen. Mir bleibt nur, die rechte Hand gen Himmel zu strecken und meine Waffe diagonal nach hinten mit einer kurzen Zugbewegung deinem Speer entgegenzustellen, um so deinen Speer nach oben abzuwehren [peng]. Dann habe ich die Möglichkeit, wieder mit der vorderen Hand den Speer zu greifen und einen Stich gegen dich zu führen.“

 

Fan shen peng tui tui qiangshi – „Speertechnik, bei der man aus der Körperdrehung nach oben abwehrt und kurz zurückweicht“

„ZuCheng Chongdou_4-Fan shen peng tui tuierst versetze ich deinen Speer nach innen [na], dann führe ich einen Stich gegen dich, wobei ich mich nach vorne lehne. Mit einem großen blockierenden Hieb [大封大劈 da feng da pi – ‚großes Versiegeln und großes Spalten‘] parierst du meinen Speer und versetzt ihn nach links in eine für mich aussichtslose Position. Mit einem trippelnden Schritt bewegst du dich nach vorne, während du mit zur Brust gehobenen Speer einen Stich führst. Der Angriff erfolgt mit heftigem Schwung und großer Kraft, ich komme nicht mehr dazu, mit der vorderen Hand den Speer zu greifen. Mir bleibt nur, die rechte Hand diagonal hochzuheben und den Speer mit einer Abwehr nach oben [Peng] über den Kopf hinweg zu führen, um mit dem Körper eine Drehung nach rechts und so einen Schritt zurück zu machen.
Bei den beiden oben geschilderten Techniken handelt es sich um die Methode ‚In aussichtsloser Lage einen Ausweg finden‘.“

Konsequenzen für das Taijiquan?

Ein direkter technischer Zusammenhang oder gar eine Überlieferungslinie zum Taijiquan lässt sich weder für die Faustkampfkunst des Chang Naizhou noch für die Speertechnik herstellen. Auch beschreiben die beiden frühen Quellen nicht die für das Taijiquan typische innere Mechanik – oder stellen Peng als eine grundlegende Kraft dar. Das muss aber nicht heißen, dass diese spezifische Bewegungsmechanik nicht in irgendeiner Form – zumindest in Ansätzen – vorhanden war. Fest steht, dass gerade die Speertechnik für die inneren Kampfkünste prägend war. Bereits zur der Zeit um den Wechsel von der Ming- zur Qing-Dynastie nahm Ji Longfeng (1602-1680, auch bekannt als Ji Jike) Speerkampftechniken als eine seiner Quellen für die Entwicklung des Xinyiliuhequan heran.

Das Xinyiliuhequan ist der Vorläufer des Xingyiquan und weist in geradezu prototypischer Weise zentrale Elemente der für die inneren Kampfkünste typischen Bewegungsorganisation auf. Ein Beispiel hierfür sind die Wellenbewegungen des Rumpfes, die sich in verschiedenen Ausprägungen und mit unterschiedlichen Bezeichnungen neben dem Xingyiquan in etlichen Varianten des Taijiquan und Baguazhang wiederfinden. Diese Rumpfbewegungen gehen sehr wahrscheinlich auf Techniken mit den teilweise sechs Meter oder noch längeren Speeren zurück. Denn um diese schwere Waffe mit ihrer ungeheuren Hebelwirkung effektiv zu führen, sind kraftvolle Bewegungen aus dem Rumpf und Körperzentrum unabdingbar. Für mich liegt die Vermutung nahe, dass dies entscheidend die innere Mechanik der inneren Stile geprägt hat. Da der lange Speer eine häufig eingesetzte Waffe und auch Trainingsinstrument sowohl im militärischen als auch im zivilen Bereich war, ist es nur folgerichtig, dass Speertechniken eine wichtige Referenz für die diversifizierte Entwicklung von waffenlosen Techniken am Ende der Ming- und zu Anfang der Qing-Zeit war. Diese Entwicklung gipfelte in einer hohen Differenzierung und deutlichen Ausprägung der individuellen Merkmale unterschiedlicher Kampfstile. Unabhängig von den konkreten Tradierungslinien und ungeachtet aller Unterschiede lassen sich bei den nordchinesischen Stilen im Allgemeinen und den inneren Kampfkünsten im Speziellen immer noch gemeinsame Wurzeln erkennen. Speertechniken sind hier sicherlich eine wichtige Referenz.

3 Kommentare

  1. Schöner Text! Und schön, dass Du wieder schreibst!

    Die ursprüngliche Bedeutung „Deckel eines Köchers“ (Bing) bezieht sich wahrscheinlich auf ein Behältnis für Armbrustbolzen (Pfeilköcher hatten zumindest in den letzten Jahrhunderten seit den Mongolen keine Deckel), das tatsächlich bei Betätigung des Öffnungsmechanismus aufsprang, weil der Deckel unter Druck, etwas Spannung steht. Die Verwendung für Peng oder Pengjin ist also möglicherweise doch nicht soweit hergeholt. Dem Übersetzungsvorschlag Anschwellen fehlt aber eben dieser Klack des Öffnens, Pengjin an sich entsteht erst bei Berührung und zeigt sich in der partnerlosen Arbeit nur dem geübten Auge.

    Die in den Langspeertechniken vorkommende Bewegungsqualität zeigt ganz subjektiv aus der eigenen Praxis heraus betrachtet wirklich nur sehr geringen Bezug zum Peng der waffenlosen Taijiquan-Formen.

    Be well and train hard!

  2. Habe den Blog jetzt erst gefunden und finde es toll damit essenzielle Grundfragen hier weiterhin beleuchtet werden. Das ist auch der Unterschied zu einer lebendigen Sache anstatt ständig englischsprachige Quellen zu benennen die für das wirkliche Verständnis meist noch mehr unschärfe aufkommen lassen.

    In einem Text von Chen Li Xian (http://www.cntjq.net/article-8479-2.html), welchen ich gerade übersetzt habe wird 掤 Bing benutzt. Darin kommentiert er Inhalte seines Boxlinien-Vorfahren Chen Xin. Früher hatte ich das Schriftzeichen zuerst für einen Schreibfehler gehalten. In dieser Übersetzung habe ich versucht den Dingen auf die Spur zu kommen und in der Fußnote folgendes kommentiert:

    掤 Bing – Pfeilköcher (Behälter für Pfeile beim Bogenschießen), Radikalbetrachtung: mit den Händen etwas zusammenbringen – daher: ausweiten oder mehren (und verbinden) – normalerweise wird heute immer Peng anstatt von Bing genannt, wobei dann häufig das Schriftzeichen variiert, mögliche Ursache ist eine dialektische Aussprache welche fälschlicherweise ihren Weg in die moderne Zeit gefunden hat

    Ich finde es gut wenn wir die Dinge beim richtigen Namen benennen können. Kennt sich jemand mit den gesprochenen Dialekten von der Jiaozuo Präfektur bis in die Gegend des Kreises Hong Dong in Shanxi aus?

    Mich würde noch interessieren woher die Vermutung angeregt wurde das mit Bing ein Behälter für Armbrustbolzen plus Schnappdeckel gemeint sein könnte. Gab es bei Bögen andere Pfeilbehälter, kann man so etwas in Museen finden oder als Nachbau irgendwo in die Hände bekommen?

    • Stefan Gätzner

      Herzlichen Dank für den Kommentar. Das Zeichen 掤 bing besteht ja aus dem sinngebenden Radikal Hand 手 und dem Lauter 朋 peng. Aus dem Lauter wird klar, warum es zu der alternativen Aussprache kam, insbesondere da chinesische Kampfkünstler im kaiserlichen China zumeist ungebildet waren. Bei einem so seltenen Zeichen wie 掤 ist es sowieso schwierig von einer einheitlichen oder „korrekten“ Aussprache zu reden, da fangen auch manchmal Muttersprachler zu raten an. In verschiedenen Lexika findet man die Erklärung Pfeildeckel, bzw. Bolzendeckel. Zu dem Hinweis zum Federmechanismus im ersten Kommentar habe ich leider keine weitere Quelle. Abbilder oder ein Museumsstück sind mir ebenfalls nicht bekannt.

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