Nach der alten Regel, musste man sich als Meister ab einem bestimmten Punkt aus der Öffentlichkeit zurückziehen, um seinen Ruf zu erhalten. Es heißt: „Ein Leben lang klug und weise, einen Augenblick aber unbedacht.“ Der Rückzug aus der Öffentlichkeit dient dazu, eben diesen „einen Augenblick“ zu vermeiden. In der Welt der Kämpfer darf man nicht auf Lobhudeleien hören. Je höher man gelobt wird, desto härter wird man auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen. Als Meister sollte man sich seiner Würde besonders bewusst sein. Erst wenn man erfolgreich gute Schüler ausgebildet hat, kann man sich einiges herausnehmen. Man nimmt sie überall hin mit: Verlieren sie, so sammeln sie dadurch Erfahrungen, gewinnen sie, so steigert dies das Ansehen.

Aus Dacheng ruo que大成若缺 – „Großes Können gleicht einem Makel“ (Aufzeichnungen aus der Kampfkunstpraxis in den achtziger Jahren) von Xu Haofeng nach den Schilderungen von Wang Jianzhong, Autorenverlag (Peking), 2011
Wang Jianzhong beim Push Hands mit einem Schüler.

Wang Jianzhong beim Push Hands mit einem Schüler (Zum Vergrößern anklicken).

Bei allen Angelegenheiten gilt es, auf den richtigen Zeitpunkt, einen vorteilhaften Ort und die passenden Leute zu achten. Wenn man einen Übungsplatz eröffnet, muss man wissen, was für ein Ort für die eigene Kampfkunst am geeignetsten ist. Beim Dachengquan achtet man darauf, dass der Übungsplatz klein ist. Bei anderen Kampfkünsten wird oft Wert auf viel Platz gelegt.

Je kleiner desto besser

Im Dachengquan  ist das Fali – das explosive „Freisetzen der Kraft“ – ein wichtiger Bestandteil. Wenn nicht Mauern ringsum den Raum beschränken, hat der Gegner viel Bewegungsfreiheit und man tut sich schwer mit dem „Freisetzen der Kraft“. Wenn wenig Platz ist, wird der andere aufgrund des optischen Eindrucks Angst davor haben, gegen eine Mauer hinter ihm zu prallen. Instinktiv wird er sogar noch einem entgegenkommen. Dann lässt sich das „Freisetzen der Kraft“ gut ausführen. Daher heißt es im Dachengquan: „Je enger es ist, desto besser lässt sich der Gegner wegschleudern.“

Wenn also der Platz klein ist, kann man von einem passenden Ort sprechen. Um hinter das Geheimnis für den Erfolg bei Vergleichskämpen zu kommen, sollte man das Gefühl dafür zunächst aus der räumlichen Beziehung heraus entwickeln. Im Kontext eines Vergleichskampfes ist das Gefühl ganz wichtig. Dabei bildet sich in jedem Stil ein ganz eigenes Gefühl heraus.

Stilistische Unterschiede

Yu Yongnian[1] war ein Meister im Bereich der Lebenspflege. Er zeigte vor Leuten keine Kampfanwendung. Yao Zongxun[2] war ein Meister der Kampfanwendung, der persönlich eine Vielzahl von Kämpfen überstanden hat. Aber beide stammten aus der gleichen Schülergeneration und wurden von Wang Xiangzhai[3] unterrichtet. Beide vermittelten das gleiche Gefühl. Für sie war es daher leicht, mit einem anderen zu kämpfen, aber es wäre kaum möglich für sie gewesen, als Mitschüler gegeneinander anzutreten. Yao Zongxun verfügte über enorme Kampfkraft. Bei Vergleichen mit Vertretern anderer Stile flogen die Gegner bei der ersten Berührung mit ihm durch die Gegend. Der alte Herr Yu sagte indes: „Egal, was mein Gegner alles draufhat, solange er es nicht auf einen offenen Faustkampf ankommen lässt, wird er mich beim Tuishou – Push Hands – nicht wegschleudern können.“

Dass es Unterschiede zwischen den Stilen gibt, ist eine feine Sache. Auf diese Weise kann man gut gegeneinander kämpfen. Es kommt darauf an, wer seine speziellen Fähigkeiten am besten zur Geltung bringen kann. Je enger es zugeht, desto besser kann man im Dachengquan sein geistiges Kraftpotenzial entfalten.

Wenn man in einer engen Gasse Cui Youcheng entgegenkommen sah, hatte man das Gefühl, dass man seine Position nicht halten konnte. Das lag nicht unbedingt an einem eigenen Mangel an kämpferischen Fähigkeiten, sondern man konnte vom Bewusstsein her nicht mit ihm mithalten. Die Trainingsmethode des Dachengquan, bei der man sich im Geist immer größer macht, zeigte in solchen Situationen seine Wirkung.

Ein kleiner Hügel

Ich richtete einmal auf einem kleinen Hügel einen Übungsplatz ein. Die ebene Fläche auf dem Hügel war nur drei, vier Meter breit. Auf diese Weise richtete ich mir einen vorteilhaften Ort ein. Wenn jemand kam, um sich mit mir im Push Hands zu messen, würde er an so einem Platz umso eher zu Fall kommen, je mehr er sich davor fürchtete. Ich hingegen verfügte an so einem Ort über technische Möglichkeiten, die ich zur Entfaltung bringen konnte.

Ein anderes Mal wurde ich in eine Villa eingeladen, um dort zu unterrichten. Wir waren in einem kleinen Zimmer im ersten Stock. Als ich dort meine Explosivkraft einsetzte, spürte man, wie die Wände vibrierten. Das Zimmer und die Menschen darin fingen an, sich in einer wummernden Resonanz gegenseitig hochzuschaukeln. Ich konnte dabei meine Explosivkraft immer satter einsetzen.

Wenn ich dagegen in einer großen Halle meine Explosivkraft einsetze, kommt es an solch einem geräumigen Ort zu keiner Resonanz. Ich kann natürlich immer noch Kraft einsetzen, aber vom Gefühl her fehlt etwas. Wenn das Gefühl nicht hundertprozentig stimmt, dann kann man sich auch in einem Vergleichskampf nicht zu 100 Prozent entfalten.

Die Spezialität von Cui Youcheng

Leute, die Dachengquan üben, messen sich gerne zu Hause mit anderen. Sie räumen mal kurz Tische und Stühle zur Seite, machen Platz, um dann mit dem Gegner aufzuräumen. Boxer kämpfen gerne an Orten mit viel Platz. In Bezug auf den vorteilhaftesten Ort für einen Kampf, hat Cui Youcheng einen Durchbruch in der Entwicklung des Dachengquan erzielt. Ausgehend von der Präferenz eines engen Kampfplatzes im Dachengquan hat er Mittel und Wege gefunden, an einem geräumigen Ort zu kämpfen: Je mehr man vor ihm davonlief, desto mehr wurde man getroffen. Er hoffte sogar, dass man vor ihm abhaute. Er nutzte die Bewegung und das Momentum des zurückweichenden Gegners aus, um einen zu schlagen. Das Zurückweichen bedeutete für ihn, dass der Gegner genau zu seiner Art zu kämpfen passte.

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[1] Yu Yongnian 于永年: (1920-2013), schloss 1941 in Tokyo sein Studium der Zahnmedizin und lernte ab 1944 von Wang Xiangzhai das Yiquan. Er fokussierte sich auf die gesundheitlichen Wirkungen der Stehenden Säule – Zhanzhuang. Ab 1953 unterrichtete in Krankenhäusern in Peking die Stehende Säule zu medizinischen Zwecken und systematisierte dazu auch die Übung in Form der „24 Positionen der Stehenden Säule“.
www.yuyongnian.com

[2] Yao Zongxun 姚宗勋: (1917-1985) lernte ab 1937 von Wang Xiangzhai das Yiquan. Er bekam vom Wang Xiangzhai den Beinamen Jixiang, was so viel bedeutet wie „das Werk von Xiangzhai fortführen.“ In diesem Zusammenhang wird er als Erbe des von Wang Xiangzhai geschaffenen Stils bezeichnet. Berühmt wurde er durch mehrere Siege über japanische und chinesische Kampfkünstler.

[3] Wang Xiangzhai 王芗斋: (1885 oder 1886-1963): Gründer des Dachengquan/Yiquan. Ab 1894 lernte er von Guo Yunshen 郭云深 (1820-1901), Großmeister des Xingyiquan. Später maß er sich mit zahlreichen Meistern verschiedener Stile in ganz China und gründete auf der Basis des Xingyiquan und seiner Erfahrungen mit anderen Kampfkünsten seinen eigenen Stil, der unter den zwei Bezeichnungen Dachengquan und Yiquan bekannt wurde. Dieser stark an der Effektivität in der Kampfpraxis orientierte Stil hat verschiedene Variationen des Zhanzhuang (Stehen wie eine Säule) als Grundlage, verzichtet völlig auf Formen und nach Angaben seiner Vertreter auch auf feste Techniken.

 

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