Außer dass der Ort für einen vorteilhaft ist, muss man noch darauf achten, dass es sich um einen passenden Gegner für eine Herausforderung handelt. Hierbei um eine gegenseitige Aktivierung. Man mag über große kämpferische Fertigkeiten verfügen, doch bei einer bestimmten Person kann man sie überhaupt nicht zur Entfaltung bringen. Unter normalen Umständen wäre derjenige überhaupt kein Gegner für einen. Doch sobald man vor ihm steht, ist man selbst nicht mehr in seinem normalen Zustand.

Aus Dacheng ruo que大成若缺 – „Großes Können gleicht einem Makel“ (Aufzeichnungen aus der Kampfkunstpraxis in den achtziger Jahren) von Xu Haofeng nach den Schilderungen von Wang Jianzhong, Autorenverlag (Peking), 2011

Wang Jianzhong beim Anwendungstraining (Zum Vergrößern anklicken)

Wenn man sich Aufzeichnungen von früheren Kämpfen eines Mike Tyson ansieht, so erkennt man, dass er manchmal große Probleme mit Leuten hatte, die ihm bei weitem nicht das Wasser reichen konnten. Dabei handelt es sich um das Problem, dass beide Gegner nicht zu einander passen.

Erfreuliche Begegnung

Bei meinen Besuchen bei Übungsplätzen anderer Lehrer kam es einmal zu einem Vergleich, den ich als sehr erfreulich empfand. Das war, als ich auf einen alten Man traf, der Taijiquan übte. Wenn Vertreter des Taijiquan auf solche des Dachengquan treffen, verhalten sie sich im Allgemeinen ausweichend. Denn sie haben das Gefühl, dass die Methoden des Push Hands sich in beiden Stilen stark unterscheiden. Man kann sich nicht richtig darin vergleichen und sagen, wer gewonnen und wer verloren hat. Er wich nicht aus, im Gegenteil, er wollte von sich aus mit mir pushen. „Du schaffst es nicht, mich wegzuschleudern“, sagte er.

Sobald ich Kontakt mit seinen Armen aufnahm, hatte ich das Gefühl, dass er über eine raffinierte Form der Kraft verfügte. Er konnte meine Kraft auflösen. Aber durch geschicktes Manövrieren hätte ich ihn dennoch wegschleudern können. Jedoch wollte ich sein Gesicht wahren. Ich schleuderte ihn nicht weg, sondern deutete dies nur an. Nachdem er meine Kraft gefühlt hatte, sagte er zu den Leuten neben ihm: „Ihr habt nichts auf dem Kasten. Dieser Herr da hat‘s drauf.“

Wir zeigten Bewunderung füreinander und empfanden beide die Begegnung als erfreulich.

Unterschiede im Push Hands

Tatsächlich gibt es Unterschiede im Push Hands zwischen dem Dachengquan und dem Taijiquan. Ein Beispiel: Im  Push Hands, dass auf Cui Youcheng zurückgeht, gibt es ein Bewegung, bei der man quer über den Hals wie bei einem Schnitt durch die Kehle streicht. Dabei steht man seitlich zum Gegner. Das gibt es bei Push Hands im Taijiquan nicht.

Beim Push Hands arbeite ich daran, wie man jemanden unter Kontrolle bringt. Es heißt für gewöhnlich, es sei leicht jemanden mit Schlägen zu treffen, jemanden kontrolliert wegzuschnellen hingegen schwierig. Es sei leicht jemand wegzuschnellen, aber schwierig, ihn unter Kontrolle zu bringen. Gelingt es einem, dem anderen einen Schock zu versetzen, dann kann man ihn kontrollieren. Daher meine Schlussfolgerung: Beim Push Hands geht es darum, dem anderen „einen Schock zu versetzen“.

Einmal besuchte mich einer an meinem Übungsplatz und wollte wissen, wie es ist, wenn man mit mir pusht. Ich habe ihn nicht weggeschnellt, sondern auch nur eine Andeutung gemacht. Ich fragte ihn, was er empfände. „Meine Zähne haben glatt aufeinander geschlagen“, sagte er. Das ist mit „einen Schock versetzen“ gemeint. Es geht dabei nicht um einen verborgenen Wink, der psychologisch wirksam ist, sondern um eine Reizung, die physiologisch zur Geltung kommt. Folglich kann man es nicht unterdrücken. Man erhält unvermeidlich einen Schock.

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