Die Bedrohung durch japanische Piraten war es, die wesentlich zu einer Wiederbelebung der militärischen Kampfkünste in der zweiten Hälfte der Ming-Zeit (1368-1664) beitrug. Im Zentrum stand der bewaffnete Kampf in Formationen. Doch als Grundlagentraining übten sich die Soldaten in waffenlosen Kampftechniken. Bald aber schon sollte diese Phase vorbei sein. Erstaunlicherweise erreichte die Evolution der Kampfkunst in China unter der Fremdherrschaft der Mandschuren während der Qing-Dynastie ihren Höhepunkt. Nun jedoch standen die individuellen Fertigkeiten im Zentrum der Entwicklung.

Von Tong Xudong
Aus Magazin für Chinesische Kampfkunst Heft 9 (2/2008 – ursprünglich in dieser und zwei folgenden Ausgaben erschienen), chinesisches Original erschienen in der chinesischen Kampfkunstzeitschrift Wuhun.

Teil 2 – zu Teil 1

Die Periode, in der der Kampf in Formationen und in strukturierten Einheiten die führende Rolle in der Entwicklung der chinesischen Kampfkünste spielte, war schon bald vorüber. Nach nicht einmal 100 Jahren kam es bereits in schneller Folge zu Verzerrungen und Verfallserscheinungen. Welche Ursachen führten nun dazu, dass nach weniger als einem Jahrhundert diese militärischen Kampfkünste, die den Ausgangspunkt des Wiedererstehens der chinesischen Kampfkünste insgesamt darstellten, einen derartigen Verfall ihrer Bedeutung erlebten?

Niedergang der militärischen Kampfkünste

Wenn wir über die Entwicklungstendenzen des chinesischen Wushu in jener Zeit sprechen, gibt es eine Sache, die wir nicht übersehen dürfen, nämlich die Renaissance in Europa. Diese kulturelle und ideologische Strömung in Europa, die vom 14. bis zum 16. Jahrhundert andauerte, befreite nicht nur das Denken der Europäer sondern auch ihre Arbeitspraktiken, sodass dort Wissenschaft und Technik eine nie da gewesene Entwicklung nahmen.

Als die Europäer von weit her übers Meer nach China kamen, brachten sie ihre Kanonen mit in dieses alte Land des Ostens. Diese wurden von den Chinesen „Fränkische Maschinen“ (als Bezeichnung für die Kanonen, die die Portugiesen mitführten) und „Kanonen der roten Ostbarbaren“ (womit die „rothaarigen“ Holländer gemeint waren) genannt. Die von den Europäern hergestellten großen Kanonen mit ihrer gewaltigen Feuerkraft erhöhten in großem Umfang die Bedeutung und Funktion der Feuerwaffen auf dem Schlachtfeld. Angesichts dieser großen Kanonen büßte der Schild, der einst der Abwehr von Pfeilen und Geschossen primitiver Feuerwaffen diente, vollkommen seine Funktion ein. Damit waren auch der Kampf in Formationen mit aufeinander abgestimmten kurzen und langen Hieb- und Stichwaffen sowie die Taktik derart strukturierter Einheiten veraltet.

Dies führte dazu, dass sich die militärischen Kampfkünste für den Einsatz in den strukturierten Einheiten sich allmählich hin zu individuellen Kampfkünsten für den Kampf Einzelner entwickelten.

Genau zu dieser Zeit drangen auch die Mandschuren über die große Mauer nach China ein und errichteten die Herrschaft der Qing-Dynastie (1644-1911). Danach befahl die neue Dynastie, dass die im Volk vorhandenen Waffen[i] abzugeben waren. Hieb- und Stichwaffen durften sich nicht mehr in den Händen des Volkes befinden. Diese großen Umwälzungen und Konflikte in der Gesellschaft jener Zeit führten dazu, dass die Entwicklung der chinesischen Kampfkünste im 17. Jahrhundert unvermeidlicherweise eine neue Richtung einschlagen sollte.

Neue Theorien nach dem Dynastiewechsel

Durch welche Merkmale zeichneten sich also die chinesischen Kampfkünste des 17. Jahrhunderts aus?

Als Erstes erreichten die Theorie zu den Hieb- und Stichwaffen ein neues Niveau. Mit der Etablierung der Herrschaft der Qing-Dynastie zogen sich einige Gelehrte der vorhergehenden Ming-Dynastie in die Halbwelt der Kämpfer und Gaukler[ii] zurück. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass diese Leute alle ihre Energien auf ihre theoretischen Studien konzentrierten. Dies galt in gleichem Maße auch für die Forschung im Bereich der Kampfkunstlehre. Wu Shu (1611-1695) darf in dieser Hinsicht als ein Repräsentant dieser Ära gelten.

500 Jahre Wushu_Zeittafel

Die Zeit des Übergangs von der Ming- zur Qing-Dynastie war von zahlreichen Kriegswirren begleitet. Das Land befand sich in einer ernsten und bedrohlichen Lage. Als Folge davon bildete sich bei Gelehrten aus Nord- und Südchina eine Strömung, die sich mit militärischer Theorie beschäftigte und die Kampfkünste hochhielt. Unter diesen Gelehrten gilt Wu Shu als derjenige mit den höchsten Verdiensten und den größten Erfolgen. Als Folge jahrzehntelanger konzentrierter Arbeit hinterließ er der Nachwelt fünf Werke der Kampfkunstlehre: Ji Xiao Da Ci – „Verständliche Worte zu den militärischen Prinzipien und deren Wirkungen“, Shoubi Lu – „Aufzeichnungen über Arme und Hände“, Meng Lü Tang Qiangfa – „Die Speertechnik der grünen Halle der Träume“, Emei Qiangfa – „Emei-Speertechnik“ und Wuyin Lu – „Rückhaltlose Aufzeichnungen“.

Der Verfasser dieses Artikels hat lediglich zu den „Aufzeichnungen über Arme und Hände“ (dem bekanntesten Werk von Wu Shu) Untersuchungen angestellt. Die „Aufzeichnungen zu Armen und Händen“ bauen unter anderem auf den Texten Ji Xiao Xin Shu – „Neues Buch über militärische Prinzipien und deren Wirkungen“ von Qi Jiguang, Gengyu Sheng Ji – „Techniken für die übrige Zeit nach der Bestellung des Bodens“ von Cheng Chongdou und Wubei Yaolüe – „Abriss militärischer Ausrüstung“ von Cheng Ziyi (dem Neffen von Cheng Chongdou) auf.

Weiterentwicklung der Speertechnik

In den „Aufzeichnungen über Arme und Hände“ finden sich Beschreibungen der Speertechnik von berühmten Meistern wie Shi Jingyan und Cheng Zhenru, die aus den Provinzen südlich des Jangtse-Flusses stammten und gegen Ende der Ming-Zeit lebten, sowie Vermerke über den Ursprung ihrer Überlieferung. Darüber hinaus werden darin konkrete und detaillierte Vergleiche der verschiedenen Speerkampf-Schulen der Ming-Zeit angestellt.

Im Bereich der Erforschung der Speertechnik werden in den „Aufzeichnungen über Hände und Arme“ Konzepte wie die Folgenden vorgestellt: die Lehre, dass die Speertechnik durch eine „runde Mechanik“ gekennzeichnet ist; die Lehre von unterschiedlichen Kreisformen und deren Anwendung; die Idee, dass der „ursprüngliche Geist“ der Speertechnik ein Abbild der Flugbewegungen von Vögeln in der Luft darstellt; die Lehre vom Einsatz der „Wurzel“ (bzw. des Griffendes) des Speers; die Lehre von den Techniken Shan – „Ausweichen“, Zuan – „Täuschen“, Dian – „Umkehr“ und Ti – „Hochheben“ sowie von Tuo – „Sich Lösen“ und Hua – „Abwandeln“. Außerdem finden sich darin ein „Kapitel über das richtige Maß beim Stich“ und die „Geheimnisse der Speertechnik“.

Mit diesem Werk zeigte Wu Shu die grundlegenden Regeln der Speertechnik in der Anwendung und sogar einige allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Bewegung in jedweder Form der Auseinandersetzung auf. Ein Hinweis darauf, welch fortgeschrittenes Niveau in der Erkenntnis der Kampftechnik er bereits erreicht hatte, stellen folgende Aussagen dar:

„In der quer entgegenstellenden Bewegung ist eine Bewegung gerade nach vorn enthalten und in der geraden Bewegung nach vorn ist eine quer entgegenstellende Bewegung enthalten.“

Außerdem unterscheidet er sechs Grade der Speertechnik – den ersten und höchste beschreibt er wie folgt:

„Der erste nennt sich die ‚Wandlung des Geistes’: Ich bin ohne jede eigene Fähigkeit, sondern forme meinen eigenen Körper nach den Vorgaben des Gegners – so wie das Wasser Wellen gebiert und wie das Feuer Flammen erzeugt.“

Er dringt sogar bis zu dem Phänomen vor, dass es „kein Tun gibt und doch nichts ungetan bleibt, man es spürt und sich sofort die Verbindung ergibt“.

Dennoch beschränkt sich die Leistung von Wu Shu hauptsächlich auf eine Ebene, die sich mit der Untersuchung der Technik des Speerkampfs befasst. Zwar zeigen sich bei ihm Ansätze, in denen er sich bereits mit den Gesetzmäßigkeiten für das Entstehen bestimmter Formen der wesentlichen Kraft – Jin – beschäftigt, aber diese Untersuchungen gehen noch nicht in die Tiefe. In Bezug auf die von ihm vorgebrachte Unterscheidung nach „sechs Graden der Speertechnik“ mit dem höchsten Grad der so genannten ‚Wandlung des Geistes“ fehlen weitergehende Erläuterungen zu den Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten, wie man den „eigenen Körper nach den Vorgaben des Gegners formt“.

Vom Speer zum waffenlosen Kampf

Das zweite Merkmal der chinesischen Kampfkünste des 17. Jahrhunderts bestand in der Überführung der Speertechnik in die waffenlose Kampfkunst. Das Ergebnis war, dass die Erforschung des waffenlosen Kampfs eine neue Stufe erreichte. Ein Repräsentant in dieser Hinsicht ist Ji Longfeng (1602-1680) (auch bekannt unter dem Namen Ji Jike).

Im Rahmen der militärischen Kampfkünste dienten waffenlose Techniken in jener Zeit nur als eine Grundlage für die Anwendung von Waffen. Der Schwerpunkt lag auf gymnastischen Bewegungen, um Rumpf, Arme und Beine beweglicher zu machen. Die Schrittarbeit sollte flink und gleichzeitig stabil sein. Das Ziel war, dass nach Befehl Bewegungen vor und zurück reibungslos ausgeführt werden konnten. Es handelte sich beim Training waffenloser Techniken um eine Methode, die körperlichen Qualitäten der Soldaten zu verbessern. Sie waren keineswegs ein Ausdruck der kämpferischen Fähigkeiten der Truppe.

Jedoch bewirkte die Politik des Verbots von Waffen im Volke und die Anordnung zur Auslieferung solcher Waffen an die Behörden am Anfang der Qing-Dynastie, dass eine Reihe von Kampfkünstlern sich gezwungen sahen, waffenlose Techniken anstelle von Waffentechniken als eine Selbstverteidigungsmethode einzusetzen. Dieser Umstand beflügelte die Erforschung der waffenlosen Kampfkunst hin zu neuen Höhen.

Ji Longfeng beschäftigte sich auf der Grundlage der Speertechnik, die er meisterhaft beherrschte, mit waffenlosen Selbstverteidigungstechniken. Nachdem er die Prinzipien des Speerkampfs vollkommen durchdrungen hatte, entwickelte er als Essenz daraus das Grundprinzip der Liuhe[iii] – „sechs Verbindungen“. Er ließ sich bei den Prinzipien seiner waffenlosen Kampfkunst von den Prinzipien des Speerkampfs leiten und schuf das Xinyiliuhequan, dessen besonderes Kennzeichen die zehn Tierformen sind.

Die Entwicklung des Grundprinzips der sechs Verbindungen ist ein Kennzeichen für das Erreichen einer neuen Stufe in der Erforschung der Kampfkunst. Auf dieser Stufe geht es um die Untersuchung der Entstehung und der Gesetzmäßigkeiten der wesentlichen Kraft. Dies sollte einen großen Einfluss auf die Entstehung und Entwicklung späterer Kampfstile haben.

Einführung daoistischer Übungen

Das dritte Merkmal der chinesischen Kampfkünste jener Zeit war, dass man anfing, Elemente (der daoistischen Atem- und Meditationstechniken) des Daoyin – „Führen und Leitens“ und Tuna – „Aussstoßens und Aufnehmens“ in die Kampfkünste zu absorbieren. Die Kampfkünste begannen, sich in Richtung Lebenspflege und Fitness zu entwickeln.

Stellvertretend hierfür sind Chen Zouting (1600-1680), auch bekannt als Chen Wangting (Chen Zouting ist der Erwachsenenname, Chen Wangting der Geburtsname) und der von ihm geschaffene Chen-Stil zu nennen. Mit den 32 Faustkampftechniken von Qi Jiguang als Grundlage verschmolz er Techniken des Daoyin und des Tuna. So schuf er die 13 Techniken des Changquan – der „Langfaust“. Bei dieser Kampfkunst wird die Funktion der Lebenspflege betont. Dieser Beitrag von Chen Zouting sollte auf die spätere Entwicklung des Taijiquan einen wichtigen und großen Einfluss haben.

Fazit

Aus all diesen Gründen entstand in den Kampfkünsten ab dem 17. Jahrhundert eine Tendenz hin zur Betonung individueller Fähigkeiten. Im Kontext der einzelnen Kampfkunst stieg außerdem die Bedeutung der waffenlosen Kampftechnik. Schließlich setzte eine evolutionäre Entwicklung in Richtung Lebenspflege und Fitness ein. Dies zusammen sollte zu den drei charakteristischen Punkten der Entwicklung des Wushu im 17. Jahrhundert werden und auch die Hauptrichtung der Entwicklung in den folgenden Jahrhunderten darstellen.

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[i] Dieses Verbot des Besitzes von Waffen wurde schnell wieder aufgeweicht. Bereits 1649 wurde der Besitz der meisten Waffen, wie Speere, Pfeil und Bogen, Säbel etc. wieder erlaubt. Verboten blieb lediglich der Besitz von Waffen, die speziell für den Einsatz auf dem Schlachtfeld gedacht waren, nämlich Rüstungen und Kanonen.
Siehe Zhang Yaoting u. a.: Zhongguo Wushushi – „Geschichte der chinesischen Kampfkunst“, Renmin Tiyu Chubanshe (Volkssportverlag) 1997, S. 300.

[ii]  Halbwelt der Kämpfer und Gaukler: Diese Übersetzung ist eine Annäherung an den Begriff Jianghu 江湖 (wörtlich: „Flüsse und Seen“). Diese „Halbwelt“ wird bereits in klassischen Romanen (wie dem in der Ming-Zeit verfassten Shuihu Zhuan, bei uns bekannt als „Rebellen vom Liangshan-Moor“) beschrieben. Sie stellt eine Art Gegen- oder Parallelgesellschaft im Kontrast zur offiziellen durch das Beamtentum geprägten Gesellschaft und ihrer Werteorientierung dar. Darin finden sich umherziehende Gaukler, Mitglieder von Geheimgesellschaften und einzelgängerische Kämpfer von mehr oder weniger „edler“ Gesinnung wieder. Gemeinsam ist ihnen die Verachtung der gesellschaftlichen Hauptströmung, von der sie bewusst und teils freiwillig abweichen.

[iii] Liuhe 六合 – „sechs Verbindungen“: Verbindung zwischen Hand und Fuß, Ellbogen und Knie, Schulter und Hüftgelenk; zwischen Herz/Geist Xin und der Bewusstheit/Intention/Vorstellung Yi, zwischen Yi und der Atem-/Lebensenergie Qi sowie zwischen Qi und der körperlichen Kraft Li. Die ersteren drei Verbindungen heißen „die drei Äußeren Verbindungen“, die letzteren drei heißen „die drei Inneren Verbindungen“. Dies stellt die Grundlage für die Namensgebung des Xinyiliuhequan – „Faust der Vorstellung des Herzens und der sechs Verbindungen“ dar, als dessen Gründer Ji Longfeng (bzw. Ji Jike) gilt. Das Xinyiliuhequan wiederum ist der Vorläufer des Xingyiquan – „Faust der Form und der Vorstellung“, einer der drei großen inneren Kampfstile.
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