Welchen Weg hat das chinesische Wushu von der Vergangenheit bis heute beschritten? Zu dieser Frage haben viele Forscher aus verschiedenen Blickwinkeln heraus Untersuchungen mit teilweise unterschiedlichen Ergebnissen angestellt. Bei dem vorliegenden Artikel handelt es sich um das Manuskript einer Rede von Tong Xudong, die er auf mehreren Veranstaltungen zum praktischen Austausch über Fragen der Kampfkunstkultur hielt. Er erzählt die Geschichte des Wushu aus einem originellen und individuellen Blickwinkel.

Von Tong Xudong
Aus Magazin für Chinesische Kampfkunst Heft 9 (2/2008 – ursprünglich in dieser und zwei folgenden Ausgaben erschienen), chinesisches Original erschienen in der chinesischen Kampfkunstzeitschrift Wuhun.

Teil 1

Das Hauptanliegen dieses Textes ist es, die Entwicklungstendenzen des Wushu sowie dessen repräsentative Persönlichkeiten der letzten 500 Jahre zur Diskussion zu stellen. Durch das Studium der Geschichte des Wushu in den letzten 500 Jahren können wir die Zwangsläufigkeit und die Gesetzmäßigkeiten dieser Entwicklung entdecken. Dies hilft uns, den tieferen Gehalt des chinesischen Wushu aus einem historischen Blickwinkel heraus vollständig zu verstehen. Dies mag als Orientierung dabei helfen, in der Gegenwart die Entwicklung des Wushu richtig zu fördern.

Warum die letzten 500 Jahre?

Warum sollte man mit der Darstellung der Entwicklung erst ab der Zeit vor 500 Jahren beginnen? Der Grund liegt darin, dass in der Geschichte des chinesischen Wushu in der Zeit zwischen dem Ende der Südlichen Song-Dynastie (1127-1279) und der mittleren Periode der Ming-Dynastie (1368-1644) eine zweihundertjährige Phase auftrat, die einen Bruch in der Entwicklung des Wushu darstellt.

Diese Bruchphase teilt sich wiederum in zwei Abschnitte auf: Der erste Abschnitt ist die fast 100 Jahre andauernde Mongolenherrschaft der Yuan-Dynastie (1271-1368). In dieser Zeit war dem Volk das Üben der Kampfkünste verboten. Dadurch wurde der Überlieferung und Weiterentwicklung von Kampftechniken weitgehend ein Riegel vorgeschoben. Der zweite Abschnitt ist die Zeit kurz nach der Gründung der Ming-Dynastie. Zwar wurde das Verbot der Kampfkünste aufgehoben, aber in den Provinzprüfungen des militärischen Staatsexamens (als Qualifikation für eine Offizierslaufbahn) wurde Reiten und Bogenschießen aufgenommen. Dies führte zu einer starken Orientierung des Kampfkunsttrainings vorwiegend am Reiten und Bogenschießen. Die Folge davon war, dass Säbel-, Speer-, Schwert- und Langstocktechniken sowie waffenlose Kampftechniken kaum noch weitergeführt wurden.

Diese Bruchphase mit ihren zwei Abschnitten sorgte also dafür, dass eine Vielzahl von Kampftechniken aus der Tang-Zeit (618-907) und der Song-Zeit (960-1279), insbesondere Säbel-, Speer-, Schwert- und Langstocktechniken sowie waffenlose Kampftechniken, in diesen 200 Jahren in großem Umfang verschwanden und deren Überlieferung abbrach.

Das oben geschilderte Phänomen dauerte bis zur mittleren Periode der Ming-Dynastie, das heißt bis etwa vor 450 bis 500 Jahren. Für eine Änderung dieser Situation sorgten dann die militärischen Notwendigkeiten im Zusammenhang mit dem Kampf in jener Zeit gegen die japanischen Piraten, die die südchinesischen Küstenregionen heimsuchten. Folglich wurde das Erstarken der Kampfkünste im militärischen Bereich zum Ausgangspunkt für das Wiedererstehen der chinesischen Kampfkünste insgesamt. Zwar veränderte sich danach die Entwicklungsrichtung des chinesischen Wushu unter dem Einfluss verschiedenster Faktoren ständig, dennoch ist die Entwicklungslinie im Großen und Ganzen klar erkennbar und kontinuierlich. Es tauchten dann keine längerfristigen Brüche mehr auf. Daher stammen auch die meisten relativ systematischen und heute noch vorhandenen Abhandlungen aus dem Bereich des chinesischen Wushu aus dieser Zeit. Noch ältere gibt es zwar auch – doch ziemlich verstreut. Eben weil das chinesische Wushu vor ungefähr 450 bis 500 Jahren nach einer langen Phase, in der es zu einem Bruch gekommen und es still darum geworden war, eine Renaissance erlebte, wollen wir die Darstellung mit dieser Periode beginnen.

Wiedererstarken der militärischen Kampfkünste

Wie oben erwähnt war es der Krieg gegen die japanischen Piraten, der für den Aufstieg der militärischen Kampfkünste sorgte. An dieser Stelle ist es zunächst einmal notwendig, zu erklären, was die militärischen Kampfkünste eigentlich sind. Militärische Kampfkünste sind Kampfkünste für den Einsatz auf dem Schlachtfeld, gekennzeichnet durch den Kampf in Formationen und in strukturierten Einheiten. Die Betonung liegt dabei auf der Koordination der Soldaten untereinander und der sinnvollen Zusammenarbeit der Waffen. Zum Beispiel organisierte General Qi Jiguang Soldaten mit Feuerwaffen, Bögen, langen Speeren, Schildern und kurzen Säbeln zu jeweils einer Kampfgruppe, die über die Fähigkeit zum Distanz- und zum Nahkampf verfügte und bei der sich die Waffen gegenseitig unterstützten und ergänzten.

Daher lassen sich militärische Kampfkünste mit ihrem Zusammenspiel innerhalb von Formationen mit einem Chor oder einem Orchester vergleichen. Betont werden die Schlachtformation und die strukturierten Einheiten. Auf individuelle Fähigkeiten wird dagegen kein besonderer Wert gelegt.

Wie führte dann der Kampf gegen die japanischen Piraten zum Aufstieg der militärischen Kampfkünste?

Damals legte die Ming-Armee ursprünglich den Schwerpunkt auf den Einsatz von Pfeil und Bogen sowie Feuerwaffen. Ihre Fähigkeiten im Nahkampf waren äußerst begrenzt. Häufig konnten weniger als zwanzig japanische Piraten (die für ihre Furchtlosigkeit im Nahkampf bekannt waren) eine Truppe von an die 1000 Soldaten der Ming-Armee in die Flucht schlagen. Infolgedessen führte die Notwendigkeit, die Fähigkeiten der Truppen im Nahkampf zu verbessern, zum Erstarken der militärischen Kampfkünste. Dabei gab es zwei Persönlichkeiten, die als Repräsentanten für diese Entwicklung gelten dürfen: Yu Dayou (1503-1580) und Qi Jiguang (1528-1587).

Die Gemeinsamkeit von Yu Dayou und Qi Jiguang bestand darin, dass sie beide angesichts der Notwendigkeiten im Krieg gegen die japanischen Piraten die militärischen Kampfkünste ganz gezielt mit bestimmten Inhalten bereicherten. Sie stärkten insbesondere die Funktion der Hieb- und Stichwaffen. Mit dem Begriff „Hieb- und Stichwaffen“ sind Waffen gemeint wie Säbel, Speer, Schwert, Langstock, Schilde aus geflochtenem Rattan oder der „Wolfsrechen“ (Speer aus Bambus, an dessen Endstück zur Spitze hin die Verästelungen des Bambusstocks belassen sind).

Als Nächstes kann man hinsichtlich der Merkmale der taktischen Anwendung dieser Hieb- und Stichwaffen sagen, dass für Yu Dayou und Qi Jiguang das Ziel ihres Einsatzes allein im Sieg auf dem Schlachtfeld bestand. Ihr taktischer Grundsatz bestand darin, mit eigener Überzahl einen in Unterzahl befindlichen Gegner anzugreifen. Das heißt, dass mehrere Ming-Soldaten einen einzelnen japanischen Piraten bekämpften.

Yu Dayou – Meister der Kampfkunst

Allerdings gab es auch Unterschiede darin, wie beide diese Hieb- und Stichwaffen einsetzten. Im Vergleich war es Yu Dayou, dessen Meisterschaft in den Kampfkünsten noch höher war. Insbesondere war er bei seinen Forschungen und Entdeckungen einen Schritt voraus, wenn es um die Gesetzmäßigkeiten der Bewegung im Kampf ging.

Unter dem Gesichtspunkt der Kampfpraxis verband er die Technik des Bogenschießens seiner eigenen Zeit mit der des Altertums und schrieb das Buch Shefa – „Methoden des Bogenschießens“. Außerdem verband er die Einsichten seines Lehrers Li Liangqin sowie von Lin Yan, Tong Yanfu und anderen mit seinen eigenen Erfahrungen in dem Buch Jianjing – „Kanon des Schwertes“. Tatsächlich wurde das Buch mit Blick auf die Anwendung der Langstocktechnik verfasst. Jedoch weisen die darin aufgeführten Prinzipien eine allgemeine Bedeutung auf. Beispiele hierfür sind:

  • „Sich dem Bewegungsablauf des Gegners anpassen und die Kraft des Gegners borgen.“
  • „Man wartet, bis die alte Kraft des Gegners gerade vorbei und die neue Kraft noch nicht freigesetzt ist, da nutzt man dies schleunigst aus.“
  • „Mittig und gerade (hält man die Waffe) im Verhältnis von acht Teilen Härte und zwölf Teilen Geschmeidigkeit. Nach oben schaben, nach unten rollen; nach links und rechts teilen. Man schlägt hoch und tief tödlich zu; nach links und rechts nimmt man (den gegnerischen Angriff) auf. Die Hände bewegen sich, die Füße gehen vor; gemeinsam kommen sie an.“
  • „(Meine) Härte befindet sich vor seiner Kraft, (meine) Geschmeidigkeit nutzt den Punkt hinter seiner Kraft aus. Der andere ist in Eile, während ich in Ruhe warte; weiß ich um den Rhythmus, magst du dich ruhig abkämpfen.“

Bei diesen und anderen Sätzen handelt es sich um technische Grundprinzipien, die allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Bewegung im Kampf darstellen.

Qi Jiguang – Praktiker des Schlachtfelds

Für Qi Jiguang war es charakteristisch, dass er noch stärker den praktischen Nutzeffekt der Kampfkünste auf dem Schlachtfeld betonte. Speziell im Hinblick auf die Besonderheiten des von den japanischen Piraten benutzten Schwertes (nämlich des Katana der Samurai) erfand er vielerlei Waffen sowie eine Kampfmethode, bei der von mehreren Männern geführte kurze und lange Waffen aufeinander abgestimmt eingesetzt wurden. Dies erwies sich als außergewöhnlich effektiv.

Zwar war Qi Jiguang der Ansicht, dass waffenlose Techniken nicht für den Einsatz auf dem Schlachtfeld bestimmt waren. Daher setzte er waffenloses Training auch nur als Grundlage für die Waffenanwendungen ein. Aber der von ihm verfasste Text Quanjing Jie Yao – „Das Wichtige für den Sieg des Faustkampfkanons“ (das 14. Kapitel seines Werks Ji Xiao Xin Shu – „Neues Buch über militärische Prinzipien und ihrer Wirkung“) hatte einen weit reichenden Einfluss auf die Kampfkunstlehre nachfolgender Generationen. Die hauptsächliche Leistung dieses Textes besteht in folgenden vier Punkten:

  • Zur Technik äußerte er folgenden Gedanken: „Man übt gleichzeitig den Faustkampf der verschiedenen Schulen.“ Dies sollte dazu dienen, dass „man oben und unten umfassend (vorbereitet für den Kampf) ist und es keine Situation gibt, in der man nicht den Sieg erringt.“
  • Er legte die Ziele der Übungen wie folgt fest: „Beim Lernen des Faustkampfs müssen der Körpereinsatz lebendig und ungezwungen, die Handtechniken beweglich und geschwind sowie die Fußarbeit leicht und solide sein; Vor- und Zurückgehen erfolgen in der richtigen Weise.“
  • Er stellte heraus, dass für die praktische Anwendung des Faustkampfs Fähigkeiten wie „Raffinesse“, „Entschlossenheit“, „Schnelligkeit“ und „Geschmeidigkeit“ und das „Wissen, wie man diagonal ausweicht“ notwendig sind.
  • Er verband die Faustkampfmethoden mehrerer nord- und südchinesischer Schulen miteinander und stellte daraus 32 Techniken der waffenlosen Kampfkunst zusammen. Damit sollten die oben erwähnten technischen Fertigkeiten, nämlich „Raffinesse“, „Entschlossenheit“, „Schnelligkeit“ und „Geschmeidigkeit“ und das „Wissen, wie man diagonal ausweicht“, erfahrbar gemacht und erarbeitet werden.

Diese vier Punkte sollte auf vielerlei Ebenen die spätere Entwicklung der Kampfkunstlehre beeinflussen. Sie stellten für eine Reihe von späteren Kampfkünstlern eine Inspiration dar, sodass neue Ideen in der Kampfkunstlehre und neue Kampfsysteme entstanden und sich entwickelten.

Man kann behaupten, dass der „Kanon des Schwertes“ einen Meilenstein in der Entwicklungsgeschichte der Kampfkunstlehre in China darstellt. Bei einer Analyse der Evolution der Kampftechnik muss man dazu aber festhalten, dass sich der erreichte Stand der Kenntnis und Forschung zu Lebzeiten von Yu Dayou noch in einem Anfangsstadium befand. So werden im „Kanon des Schwertes“ die für die Umsetzung der oben zitierten Prinzipien notwendigen Grundlagen an technischen Fähigkeiten noch nicht behandelt. Noch weniger ist die Rede davon, wie man mithilfe bestimmter Übungen das Niveau der eigenen technischen Fähigkeiten grundsätzlich steigern kann. Außerdem bewegt sich der Text in Bezug auf den Grad der Könnerschaft immer noch auf der Ebene bewusst gesteuerten Handelns. Die Ebene, auf der es „keine Form und keine Intention gibt, man es spürt und sich sofort die Verbindung ergibt“, findet dort noch keine Erwähnung.

Aber auch bei Qi Jiguang stellte die Kampftechnik an sich nicht den Schwerpunkt seiner Forschungen und den Fokus seiner Aufmerksamkeit dar. In dem Text „Das Wichtige für den Sieg des Faustkampfkanons“ wird keineswegs näher darauf eingegangen, wie man systematisch die grundlegenden technischen Fähigkeiten einer Kampfmethode verbessert. Ebenso wenig ist im Detail davon die Rede, welche fundamentalen Gesetzmäßigkeiten es insgesamt in Bezug auf die Übung und die Anwendung einer Kampfmethode gibt. Die Erkenntnis in diesem Text bewegt sich im Wesentlichen immer noch auf der Ebene von technischen Methoden. Eine Diskussionsebene, in der man sich mit Gesetzmäßigkeiten der Entstehung und Funktion der wesentlichen Kraft in der Kampfkunst – Jin –beschäftigt, wird noch nicht erreicht.

Schlussfolgerungen

Daraus lassen sich folgende Schlüsse ziehen: Einerseits erwiesen sich in der Periode von Qi Jiguang und Yu Dayou die Notwendigkeiten des Krieges als ein Antrieb für das Wiedererstehen und die Entwicklung der chinesischen Kampfkünste. Das Erstarken der militärischen Kampfkünste wurde zum Ausgangspunkt dieser Entwicklung. Andererseits war es so, dass das Ziel bei der Entwicklung der Kampftechnik in jener Periode in erste Linie darin bestand, den Sieg im Krieg davonzutragen, aber nicht darin, die Kampftechnik an sich auf ein höheres Niveau zu führen. Damit im Zusammenhang stand die Anforderung, dass diese Art von militärischen Kampfkünsten schnell erlernbar war. Die Trainingszeit war auch dementsprechend kurz. Dies hatte unvermeidlich zur Folge, dass die Techniken von relativ grober Natur waren.

Das technische Niveau der militärischen Kampfkünste zu Zeiten von Yu Dayou und Qi Jiguang war durch die Erfüllung der taktischen Ziele auf dem Schlachtfeld vorgegeben. Daher befand sich die Kampftechnik an sich vom Grad ihrer Entwicklung her gesehen immer noch in einem Anfangsstadium.

Neben Yu Dayou und Qi Jiguang gelten Tang Shunzhi (1507-1560), der zur gleichen Zeit lebte, und Cheng Chongdou (1561-?, der eigentlich Cheng Zongyou hieß), der etwas später lebte, ebenfalls als Repräsentanten jener Periode, in der die militärischen Kampfkünste eine Renaissance erlebten. Werke wie Wubian – „Zusammenstellung über militärische Angelegenheiten“ von Tang Shunzhi, Gengyu Sheng Ji – „Techniken für die übrige Zeit nach der Bestellung des Bodens“ sowie der bereits erwähnte „Kanon des Schwertes“ und „Das Wichtige für den Sieg des Faustkampfkanons“ repräsentieren gemeinsam das Niveau in der Erforschung der Kampfkünste während jener Epoche.

Der Schwerpunkt der Forschung dieser Repräsentanten waren technische Methoden und die entsprechenden technischen Prinzipien. Sie entdeckten bestimmte Prinzipien der Taktik und Gesetzmäßigkeiten der Kampftechnik von allgemeiner Bedeutung. Jedoch untersuchten sich noch nicht tiefer gehend die Grundlagen technischer Fähigkeiten oder die Gesetzmäßigkeiten der Entstehung und Funktion der wesentlichen Kraft. Auch bewegt sich ihre Erkenntnis der technischen Fähigkeiten auf der Stufe bewusst gesteuerten Handelns. Sie waren noch nicht in den Bereich vorgedrungen, in dem es „kein Tun gibt und doch nichts ungetan bleibt“.

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