Am Anfang sollte man beim Training des Piquan einen nach allen Seiten offenen Platz aussuchen. Das ist, als ob man auf einen hohen Berg steigt: Unwillkürlich wird man ganz lange ausatmen. An einem offenen Platz lässt man leichter der Atmung freien Lauf.

Aus 逝去的武林 – „Vergangene Welt der Kampfkunst“ – von Xu Haofeng[i] nach den mündlichen Erzählungen von Li Zhongxuan[ii], Nanhai-Verlag (Hainan), 2. Aufl. 2011
Li Zhongxuan demonstriert Piquan.

Li Zhongxuan demonstriert Piquan.

Der Bewegungsablauf des Piquan besteht aus einem Wechsel von Vorstrecken und Zurückziehen der Arme – wie der Wechsel von Aus- und Einatmen. Wenn man auf diese Weise eine Bahn von 400 oder 500 Metern übt, wird die Atmung immer gedehnter und immer tiefer. Man ist dann voller Energie.

Die Bewegungen im Bereich der Hände führen zu einer Aktivierung des ganzen Körpers. Allmählich wird man die Fülle und den Rhythmus der Atmung spüren – die Poren am ganzen Körper öffnen und schließen sich. „Jemand, der sich in der Kampfkunst übt, muss erlernen, wie man mit dem Körper atmet“, sagte Xue Dian[iii] einmal. Die wunderbare Wirkung der Körperatmung kann man beim Üben des Piquan erfahren.

Viele Leute haben einen verborgenen Krankheitsherd in sich. Durch das Training der Atmung in der Piquan[iv] -Technik kann man dies im Keim ersticken. Außerdem: Gerade wenn man älter wird und die körperliche Kräfte nachlassen, sollte man durch das Üben der Atmung das Qi – die Lebensenergie auffüllen.

Piquan als Grundlagenübung

Eine gesunde Atmung ist die Grundlage des Kampfkunsttrainings. Daher übt man im Xingyiquan zuerst das Piquan. Im Piquan ist eigentlich schon der Ablauf des Zuanquan[v] enthalten. Wenn man das Piquan beherrscht, ist es anschließend relativ einfach, das Zuanquan zu lernen. Genau wie es heißt: „Metall bring Wasser hervor“[vi]. Denn Piquan ist der Wandlungsphase Metall und Zuanquan Wasser zugeordnet. Hingegen wäre es vergleichsweise schwierig, eine ganz neue Struktur einer Kampftechnik, wie z.B. das Bengquan[vii] zu erlernen.

Piquan wirkt sich aufbauend auf die Lunge aus. Die Bewegung der beiden Arme eines Menschen hat eine direkte Wirkung auf die Lunge. Ein Beispiel ist die Morgengymnastik für Schulkinder, bei der die Übungsanweisungen über Lautsprecher erfolgen: Beim Weitmachen der Brust und den Streckübungen erreicht man durch Armbewegungen ein Training der Atmung bzw. eine Stärkung der Lunge.

Zuanquan und das Training der Beine

Die Beine wiederum sind den Nieren zugeordnet. Wenn ein Mann an Impotenz leidet, so spricht man in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) von einem „Mangel an Wasser der Nieren“. Wenn man von der Kampftechnik des Zuanquan spricht, so geht es um das Training der Ellbogen oder aber der einzelnen Fingerglieder. Spricht man jedoch von der Übungsmethode im Sinn der Selbstkultivierung, dann geht es beim Zuanquan um das Training der Beine: Man stärkt die Funktion der Beine und zielt dabei auf die Funktion der Nieren ab.

Daher verläuft die Schrittarbeit beim Zuanquan nicht geradlinig vor und zurück, sondern in Spiralen nach vorne, wodurch die Beine eine entspannte Bewegungsfreiheit erhalten. Auf diese Weise herrscht Fülle beim Qi der Lunge und dem Wasser der Nieren. Erst wenn die Funktionen von Ober- und Unterkörper in gleicher Weise gestärkt sind, kann man zu fortgeschrittenen Übungen übergehen. Darum muss man nach dem Piquan im Anschluss das Zuanquan trainieren.

Empfindungen und Illusionen

In der Phase des Piquan-Trainings wird man in jedem Fall auf folgende Phänomene stoßen: Man hat die Empfindung, dass die Haut dicker wird – wie die eines Elefanten. Und man meint, dass die Finger so dick sind wie Karotten, während sich das Zentrum der Hand wie ein kleiner Wirbel anfühlt – sämtliche Finger ziehen sich spontan fest zusammen und wollen sich nicht mehr öffnen… Das alles sind Illusionen. Weil der Körper reichlich Lebensenergie Qi ansammelt, wandelt sich die Stimmung und man hat den Wunsch nach mehr Aktivität. Man beschäftigt sich mit diesem und mit jenem. Es ist wie bei einem Kind – man macht alles voller Elan. Das ist eine Phase, die man durchlaufen muss. Wenn man das selbst bei sich bemerkt, so bedeutet dass, dass man mit seinen Bemühen auf dem richtigen Weg ist.

Wenn es soweit ist, braucht man nicht mehr an einem offenen Platz zu trainieren. Im Xingyiquan gibt es seit den alten Zeiten die Regel, dass „jede Stelle für das Üben der Kampftechniken geeignet ist, an der sich ein Rind niederlegen kann“. Man trainiert einfach dort, wo genügend Platz für die Schrittarbeit ist. Das Training an einem offenen Platz ist nur ein praktisches Mittel, um sich mit den Grundlagen besser zurechtzufinden.

Unser Xingyiquan geht auf die Tradition von Li Cunyi[viii] zurück. Unser oberstes Ziel ist, das Land zu verteidigen und die eigene Familie zu beschützen, nicht Streit zu suchen. Meister Tang sagte: „Bist du aggressiv, bin ich ängstlich. Bist du ängstlich, bin ich noch ängstlicher als du – nur so jemand ist mein Schüler.“

Mut und Können, die man in der Kampfkunst erwirbt, sollten dem eigenen Land dienen. Im Fall persönlicher Streitigkeiten sollte man am besten so tun, als ob man feige wäre. Was das Training des Piquan anbetrifft, so darf man das nicht an einem Platz mit vielen Menschen machen und man darf auch nicht anderen den Platz wegnehmen. Wenn man auf jemanden trifft, der Streit sucht, darf man sich nicht auf einen Vergleichskampf einlassen. Man muss lernen jemanden mit vernünftigen Gründen zu überzeugen – mit Tugendhaftigkeit. Man sollte sich seine Zeit fürs Training sparen und nicht damit verschwenden, sich nicht in Streitereien verwickeln zu lassen.

Wandlungsphasen des Trainings

Mit dem Piquan trainiert man die Atmung. Daher braucht man schon ein Jahr, bis man die entsprechenden Fertigkeiten beherrscht. Dabei werden zunächst Krankheiten überwunden und anschließend der Körper gestärkt. Durch das Training der Atmung, baut man die Lebensenergie Qi auf. Das wirkt sich auch auf das Gehirn positiv aus und man wird häufig Eingebungen haben. An diesem Punkt findet man unendlichen Gefallen am Üben der Kampfkunst.

Wasser zieht es nach unten, es fließt bergab. Nachdem man das Zuanquan beherrscht, wird daher der Mensch in seinem Wesen ausgeglichener und zurückhaltender werden. Die Haut wird sich besser anfühlen, die Stimme wird sehr angenehm und die Konzentration des Herzens wird sich stark erhöhen. Früher konnten die Kampfkunstmeister der alten Generation weder lesen noch schreiben, aber sie waren von edlem Gemüt und verfügten über große Selbstbeherrschung. Weil das Xingyiquan eine innere Kampfkunst ist, führt es nicht nur zu körperlichen Umstrukturierungen sondern auch zu einer geistigen Reorganisation.

Echte Fertigkeiten aus den Grundlagenübungen

In der Kampfkunst entwickeln sich die echten Fertigkeiten stets aus den Grundlagenübungen. Dazu muss man einiges ertragen können. Als Mensch ist das Grundlegendste ehrlich und zuvorkommend zu sein, man muss sich in Duldsamkeit üben. „Im Alter sollte man ruhig ein bisschen verrückt sein, in der Jugend sollte man auf dem Teppich bleiben“, so heißt es. Wenn die alten Leute sich immer nur auf die Einhaltung der Regeln pochen, habe es die jungen Leute sehr schwer. Daher sollten alte Leute möglichst aufgeschlossen und ungezwungen sein. Junge Leute sollten indes unbedingt die Regeln der Höflichkeit einhalten. Nur so kann sich Harmonie einstellen, und nur so kann die Tradition fortgesetzt werden.

Der Charakter eines Menschen und die Methodik einer Kampfkunst ergänzen und bedingen sich gegenseitig. Meister Tang hat mein Leben verändert. Nach so vielen Jahren bleibt mir nichts anderes, als etwas darüber zu schreiben, um meine Dankbarkeit gegenüber meinem Lehrer auszudrücken.

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Zu Teil 1.


 

[i] Xu Haofeng 徐皓峰 auch 徐浩峰 (geb. 1973): ist Regisseur, Drehbuchautor sowie Autor von Wuxia-Romanen und Berichten über Kampfkünsten. Mit Shiqu de Wulin 逝去的武林, „Vergangene Welt der Kampfkunst“, ist er der Vorreiter einer Literaturgattung in China, die sich speziell mit Augenzeugenberichten und dem Erleben von Kampfkünstlern beschäftigt. Das Buch besteht aus Aufzeichnungen von mündlichen Schilderungen des Xingyiquan-Meister Li Zhongxuan (1915-2004). Ein weiteres Werk dieser Gattung ist Dachen ruo que, 大成若缺, „Großes Können gleicht einem Makel“, über den Dachengquan-Meister Wang Jianzhong (geb. 1955). Einem größeren Publikum bekannt aber wurde der Absolvent der Beijing Film Academy durch sein filmisches Schaffen. 2013 arbeitete an dem Drehbuch des Wong Kar Wai-Films „The Grandmaster“ mit. Bereits 2011 hatte er als Autorenfilmer selbst Platz auf dem Regiestuhl genommen und den recht umstrittenen Kampfkunstfilm „The Sword Identity“ gedreht. 2012 folgte „Judge Archer“ und Ende 2015 wird „The Master“ aufgeführt.  

[ii] Li Zhong Xuan 李仲轩 (1915-2004) aus dem Kreis Ninghe, der zur Küstenstadt Tianjin gehört, lernte von Tang Weilu, Xue Dian und Shang Yunxiang das Xingyiquan. Li stammte aus einer angesehenen Beamtenfamilie, gab aber freiwillig die Chance auf eine eigene Karriere im Staatsdienst auf, da sich der Tradition nach Kampfkünstler von offiziellen Posten fernhalten sollten. Er gilt als letzter Schüler von Shang Yunxiang, der ihn nur unter der Bedingung annahm, dass Li seine Kunst nicht weitergeben würde. Daran hielt sich und hatte zeitlebens keine Schüler. Einen Einblick über seine Kunst und seine Erfahrungen geben die Aufzeichnungen von Xu Haofeng, die Xu zu dem Buch逝去的武林Shiqu de Wulin – „Vergangene Welt der Kampfkunst“ – zusammengefasst hat.

[iii] Xue Dian 薛颠 (1887-1953) berühmter Xingyiquan-Meister in der Ära der chinesischen Republik (1912-1949), Schüler von Li Cunyi.

[iv] Piquan – 劈拳 „spaltende Faust“, Pi-Technik – die erste der Grundtechniken der Fünf Wandlungsphasen im Xingyiquan. In der Regel handelt es sich um einen von oben nach vorne und unten geführten Hieb mit der offenen Hand. Die Technik ist der Wandlungsphase Metall zugeordnet, wobei häufig als Analogie ein Hieb mit einer Axt als Erklärung herangezogen wird. Bei den menschlichen Organen wiederum wird die Lunge mit der Wandlungsphase Metall in Verbindung gebracht. Daher kommt es zu der Assoziation, dass Piquan besonders die Lunge bzw. die Atmung stärke.

[v] Zuanquan 钻拳 – „bohrende Faust“, Zuan-Technik, die zweite der Grundtechniken der Fünf Wandlungsphasen im Xingyiquan. Zuanquan ist der Wandlungsphase Wasser und damit unter den menschlichen Organen den Nieren zugeordnet.

[vi] Die Fünf Wandlungsphasen haben einen Kreislauf der gegenseitigen Schöpfung und einen der gegenseitigen Überwindung. Der Kreislauf der Schöpfung sieht wie folgt aus: Metall bringt Wasser hervor, Wasser bringt Holz hervor, Holz bringt Feuer hervor, Feuer bringt Erde hervor und Erde bringt wiederum Metall hervor. Der Kreislauf der Überwindung: Metall überwindet Holz, Holz überwindet Erde, Erde überwindet Wasser, Wasser überwindet Feuer und Feuer überwindet schließlich Metall.

[vii] Bengquan 崩拳 „berstende Faust“, Beng-Technik – eine der Techniken der Fünf Wandlungsphasen im Xingyiquan. Bengquan ist der Wandlungsphase Holz zugeordnet.

[viii] Li Cunyi 李存义 (1847-1921) lernte zunächst von Liu Qilan Xingyiquan. Er trainiert mit Guo Yunshen, Dong Haichuan und war mit Cheng Tinghua, einem der bedeutendsten Schüler von Dong Haichuan, befreundet. Er war eine Zeit lang Vorsteher der Leibwache des Gouverneurs von Jiangsu und Jiangxi. Li gründete einen eigenen Eskortendienst Wantong Biaoju. Er nahm am Boxeraufstand im Jahr 1900 teil. Seine berühmtesten Schüler waren Shang Yunxiang und Sun Lutang.

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