Meister Tang Weilu trug gerne eine weiße Mandschu-Jacke. An jenem Tag hatte er eine Schüssel Nudeln mit Soße in der Hand. Während er aß, gab er gleichzeitig Anweisungen zum Xingyiquan. Wir Schüler waren allesamt sehr frech. Alle auf einmal stürzten wir uns auf ihn und rempelten ihn an. Wir wollten seine weiße Jacke mit den Nudeln und der Soße in seiner Hand dreckig machen. Er setzte weder Hand- noch Fußtechniken ein. Er drehte sich einmal im Kreis und brachte uns alle zu Fall.

Aus 逝去的武林 – „Vergangene Welt der Kampfkunst“ – von Xu Haofeng[i] nach den mündlichen Erzählungen von Li Zhongxuan[ii], Nanhai-Verlag (Hainan), 2. Aufl. 2011
Li Zhongxuan im Alter von 89 Jahren vor seinem Haus.

Li Zhongxuan im Alter von 89 Jahren vor seinem Haus.

Meister Tang Weilu[iii] sagte, es handele sich bei den Techniken um Schulter-, Hüft- und Gesäßstöße des Xingyiquan. Hierbei streife man den Gegner nur kurz, und führe nicht wie bei Handtechniken eine vom eigenen Körper weggerichtete Schlagbewegung aus. Würde man schwingende Hüft- bzw. Gesäßbewegungen ausführen oder die Schulter weit vorrecken, so sähe das schrecklich aus. Daher sollten diese Techniken für die kurze Distanz einer Libelle gleichen, die kurz das Wasser berührt: kurze, blitzartige Bewegungen hintereinander.

Eines Tages wurde Meister Tang von einem Pferdekarren aufgehalten. Der Kutscher war jemand, der sich in den Kampfkünsten übte. An dem Wagengestell war ein eiserner Ring befestigt. Der Kutscher haute mit seinem Arm einmal kurz auf den Ring, der daraufhin verbogen war. Er fragte: „Meister Tang, kannst Du den Ring mit einem Schlag wieder gerade richten?

Meister Tang sagte: „Dein Arm ist härter als der Eisenring. Da haue ich doch nicht auf den Ring, sondern wir schlagen gleich die Arme gegeneinander!“ Als sie die Arme gegeneinander schlugen, schrie der Kutscher mehrmals vor Schmerzen. Er starrte mit leerem Blick auf den Arm von Meister Tang. Tang Weilu sagte: „Als dein Arm gegen meinen prallte, machte ich eine kurze schraubende Bewegung mit meinem. Es mag wohl so aussehen, als ob wir einfach mit den Armen gegeneinander gehauen hätten, tatsächlich aber habe ich gegen deinen eine Schlagtechnik eingesetzt.“

Später erklärte Meister Tang seinen Schülern [Tudi[iv]], dass diese schraubende Bewegung nicht nur mit dem Arm sondern mit dem ganzen Körper ausgeführt werden muss. Durch dieses Schrauben vor und zurück versteht man es dann, die Ganzkörperkraft einzusetzen. Die Kraft wird im Xingyiquan nicht auf einer geraden Linie eingesetzt.

Traditionelle Unterweisung und familiäre Komplikationen

Meister Tang unterrichtete mich nach der alten Methode, da gab es ganz viele Regeln. Man musste unbedingt darauf achten, in einem ummauerten Innenhof zu üben. Kein Dritter durfte dabei zuschauen. Zudem musste man nachts üben – abgesehen von der Geheimhaltung, diente dies auch dazu, das Auge zu schulen. Um diesen Anforderungen zu entsprechen, war meiner Ansicht nach nur der Ahnenhalle der Familie meiner Schwiegermutter (der Familie Wang) geeignet. Daher verabredete ich mich mit Meister Tang dort zum Unterricht. Manchmal brachte er auch andere Schüler mit. Da ging es in der Ahnenhalle hoch her.

Dort habe ich auch einen Freund kennengelernt, mit dem man durch dick und dünn gehen konnte: meinen jüngeren Mitschüler Ding Zhitao. Er konnte viel mehr essen als andere, deswegen nannte ich ihn „Reistopf“. Ich sehe überhaupt nicht wie jemand aus, der die Kampfkünste trainiert, aber er sah genau wie so jemand aus. Ein großer Kerl mit wütendem Blick – einfach einschüchternd. Von früh bis spät konnte er seinen Wunsch, sich mit jemand in der Kampfkunst zu messen, nicht im Zaum halten.

Aber er hatte das Herz am rechten Fleck und war immer aufrichtig zu mir. Wir beide wurden Schwurbrüder. Ich lehnte eine Heirat ab, die jemand anders für mich arrangiert hatte, und nahm Dings jüngere Schwester zur Frau. Er war ein leicht reizbarer Charakter. Später dann kam es zu einem Vorfall, bei dem er ums Leben kam.

Mein Vater hatte den Habitus eines unkonventionellen Gelehrten. Er liebte es, Reisen mit gebildeten Leuten zu Sehenswürdigkeiten zu organisieren. Wenn er nach Nanjing oder Shanghai ging, hielt er sich dort lange auf. Er war nur sehr selten zu Hause. Als er einmal heimkam und die vielen fremden Leute in der Ahnenhalle sah, machte er ein langes Gesicht. Meister Tang kam danach nicht wieder dorthin.

Weil ich mich in der Kampfkunst übte, kam es zu großen Konflikten zwischen mir und meinem Vater. Eine Zeit lang war die Beziehung sogar vollkommen angespannt. Das Temperament eines Gelehrten ist nun mal so: Sobald er sich einmal aufregte, konnte er sich nicht mehr im Zaum halten. Ich hielt es nicht länger in Ninghe aus. Meister Tang meinte, er wäre schuld an der verfahrenen Situation und schickte mich nach Beijing zu Shang Yunxiang[v] zum Unterricht. Zumindest hatte ich damit einen Unterschlupf.

Junger Schüler eines alten Meisters

Aufgrund des allzu großen Altersunterschieds wollte Meister Shang mich zunächst nicht als Schüler annehmen. Er sagte zu Meister Tang: „Ein alter Lehrer und ein junger Schüler – da werde ich für ihn später mal den Opa spielen!“ Meister Tang meinte immer wieder: „Er ist der Sohn eines Gelehrten und wirklich in Ordnung.“ Danach erzählte er ihm meine ganze Geschichte. Shang Yunxiang hatte wohl das Gefühl, dass ich Mumm in den Knochen hatte, und nahm mich an. Die Aufnahmezeremonie als Schüler wurde schon kurz darauf abgehalten. Er forderte von mir, dass ich einen Schwur tat, keine Schüler anzunehmen, wenn ich einmal selbst zur Meisterschaft gelangen würde.

Später hätte ich die Möglichkeit gehabt, in den Staatsdienst einzutreten. Meister Tang erlaubte das nicht. „Nach den aus dem Altertum überkommenen Regeln darf kein Schüler der Kampfkunst mehr zur Gemeinschaft der Kampfkünstler zurückkehren, sobald er in den Staatsdienst eingetreten ist“, sagte Tang.

Stehende Säule und Kampfkunst

Es gibt da einen Satz, der lautet: „Wenn man Selbstkultivierung betreibt, übt man nicht die Kampfkunst.“ Dabei herrscht die Ansicht vor, das mit dem Begriff „Selbstkultivierung“ die stehende Säule – Zhanzhuang – gemeint ist. „Kampfkunst“ bezieht sich dann auf das Training von angewandten Kampftechniken. Der Satz würde demnach also bedeuten, dass man dann jeweils nur die stehende Säule und nicht die Kampftechniken übte – ein Missverständnis, das Anfängern häufig unterläuft. Der entscheidende Punkt bei der stehende Säule liegt darin, „es einem Insekt gleichzutun“: Im Winter bohren sich manche Insekten in die Erde und wirken dann wie tot. Zum Frühlingsanfang beginnt sich in der Erde das Leben zu rühren und die Insekten bewegen sich wieder. Beim Zhanzhuang geht es darum, diese Art von Lebenskraft durch das Stehen zu erlangen – wie ein Insekt, das aufwacht und sich zu rühren beginnt. So verspürt man Energie am Körper. Die stehende Säule bringt einem unendlich viel Nutzen – dabei geht es um Selbstkultivierung. Tatsächlich handelt es sich auch beim Üben von Kampftechniken um Selbstkultivierung. Im Xingyiquan gilt es, „durch das Kultivieren der Essenz – Jing, diese in Lebensenergie – Qi umzuwandeln, durch das Kultivieren der Lebensenergie diese in Geist – Shen umzuwandeln und den Geist zur Leere – Xu zurückzuführen“[vi]. Qi[vii] bedeutet auch Atem, aber das ist hier nicht gemeint. Wenn ein Mann maskulin und lässig oder eine Frau anmutig und attraktiv erscheint, dann liegt das an der Wirkung des Qi. Das ist genau das, was man „vor Lebenskraft strotzen“ nennt. Was Qi in der Bedeutung von Atem angeht, so nennt man das Xi[viii] – Atmung. Beim Piquan[ix] trainiert man die Atmung (ich spreche hier nicht von der angewandten Kampftechnik, sondern beziehe mich nur auf die Solo-Übungsmethode des Piquan).

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Zu Teil 2.


[i] Xu Haofeng 徐皓峰 auch 徐浩峰 (geb. 1973): ist Regisseur, Drehbuchautor sowie Autor von Wuxia-Romanen und Berichten über Kampfkünsten. Mit Shiqu de Wulin 逝去的武林, „Vergangene Welt der Kampfkunst“, ist er der Vorreiter einer Literaturgattung in China, die sich speziell mit Augenzeugenberichten und dem Erleben von Kampfkünstlern beschäftigt. Das Buch besteht aus Aufzeichnungen von mündlichen Schilderungen des Xingyiquan-Meister Li Zhongxuan (1915-2004). Ein weiteres Werk dieser Gattung ist Dachen ruo que, 大成若缺, „Großes Können gleicht einem Makel“, über den Dachengquan-Meister Wang Jianzhong (geb. 1955). Einem größeren Publikum bekannt aber wurde der Absolvent der Beijing Film Academy durch sein filmisches Schaffen. 2013 arbeitete an dem Drehbuch des Wong Kar Wai-Films „The Grandmaster“ mit. Bereits 2011 hatte er als Autorenfilmer selbst Platz auf dem Regiestuhl genommen und den recht umstrittenen Kampfkunstfilm „The Sword Identity“ gedreht. 2012 folgte „Judge Archer“ und Ende 2015 wird „The Master“ aufgeführt.

[ii]Li Zhong Xuan 李仲轩 (1915-2004) aus dem Kreis Ninghe, der zur Küstenstadt Tianjin gehört, lernte von Tang Weilu, Xue Dian und Shang Yunxiang das Xingyiquan. Li stammte aus einer angesehenen Beamtenfamilie, gab aber freiwillig die Chance auf eine eigene Karriere im Staatsdienst auf, da sich der Tradition nach Kampfkünstler von offiziellen Posten fernhalten sollten. Er gilt als letzter Schüler von Shang Yunxiang, der ihn nur unter der Bedingung annahm, dass Li seine Kunst nicht weitergeben würde. Daran hielt sich und hatte zeitlebens keine Schüler. Einen Einblick über seine Kunst und seine Erfahrungen geben die Aufzeichnungen von Xu Haofeng, die Xu zu dem Buch 逝去的武林 Shiqu de Wulin – „Vergangene Welt der Kampfkunst“ – zusammengefasst hat.

[iii] Tang Weilu 唐维禄 (1868-1944): stammt aus dem Bezirk Ninghe, der zur Stadt Tianjin gehört. Er war Schüler von Li Cunyi 李存义 (1847-1921), der u.a. unter dem Xingyiquan-Großmeister Guo Yunshen 郭云深(1820-1901) gelernt hatte. Sein Spitzname in年 Kampfkunstkreisen lautete Beibatian 北霸天, „Hegemon der nördlichen Hemisphäre“. Zusammen mit Sun Lutang 孙禄堂 (1861-1933), dem Gründer des Sun-Taijiquan, wurde er als einer der „Zwei Lu“ 二禄 (nach dem Zeichen 禄lu das in beiden Namen vorkommt) bezeichnet. Als er als Schüler von Li Cunyi angenommen wurde war Tang bereits im mittleren Alter. Nur aufgrund seiner Willenskraft konnte er die mit seinem Alter verbundenen Einschränkungen überwinden und gilt damit als ein Ausnahmefall. Später zog er sich aufs Land zurück und half insgeheim beim Aufbau des Ablegers des Zentralinstituts für Chinesische Kampfkunst (1928 in Nanjing gegründet) in Tianjin mit. Er setzte seine Kräfte auf die Verbreitung des Xingyiquan unter dem einfachen Volk in der Provinz Hebei ein.

[iv] Tudi 徒弟: eingeweihter Schüler/Lehrling, der den Kotau vor seinem Lehrer gemacht hat, und künftig seinen Lehrer 师父shifu „Lehrer-Vater“ nennt. 拜师baishi, die Anerkennung des Lehrers bzw. die Aufnahme als Tudi folgt dem Zeremoniell nach dem gleichen Muster wie eine Adaption und stellt in der Regel ein vergleichbar enges Verhältnis her.

[v] Shang Yunxiang尚云祥 (1864-1937) war wie Tang Weilu zunächst Schüler von Li Cunyi, um dann später von Xingyiquan-Großmeister Guo Yunshen zu lernen. Shang war für seine Bein- bzw. Schritttechnik berühmt und erhielt den Spitznamen „der Buddha mit den Beinen aus Eisen“. Außerdem spezialisierte Shang Yunxiang sich auf die Technik Bengquan – „berstende Faust“.

[vi] 练精化气,炼气化神,练神还虚。

[vii]

[viii]

[ix] Piquan – 劈拳„spaltende Faust“, Pi-Technik – die erste der Grundtechniken der Fünf Wandlungsphasen im Xingyiquan. In der Regel handelt es sich um einen von oben nach vorne und unten geführten Hieb mit der offenen Hand. Die Technik ist der Wandlungsphase Metall zugeordnet, wobei häufig als Analogie ein Hieb mit einer Axt als Erklärung herangezogen wird. Bei den menschlichen Organen wiederum wird die Lunge mit der Wandlungsphase Metall in Verbindung gebracht. Daher kommt es zu der Assoziation, dass Piquan besonders die Lunge bzw. die Atmung stärke.

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