Es gibt bestimmte Regeln, wie man seinen eigenen Übungs- und Unterrichtsplatz etabliert. An erster Stelle steht dabei, wie man mit jemanden umgeht, der einen durch einen Herausforderungskampf vertreiben will: Ein Schüler nimmt sich der Sache an, der Meister darf sich nicht darauf einlassen. Der Vergleichskampf findet mit dem Schüler statt, nicht mit dem Meister.

Aus Dacheng ruo que大成若缺 – „Großes Können gleicht einem Makel“ (Aufzeichnungen aus der Kampfkunstpraxis in den achtziger Jahren) von Xu Haofeng[1] nach den Schilderungen von Wang Jianzhong[2], Autorenverlag (Peking), 2011
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Cui Youcheng erläutert in ausgelassener Runde das Dachengquan.

Im Fernsehen habe ich einmal eine Reportage gesehen. Es ging um eine chinesische Sanda-Mannschaft, die in Amerika an einem Wettkampf teilnahm. Der Meister eines amerikanischen Kampfsportclubs stieg auf das Kampfpodest. Der sah wirklich sehr gut aus. Und wurde wirklich ganz erbärmlich verdroschen. Seine Schülerinnen unten vor dem Podest weinten alle.

Man sollte wissen, dass es immer einen gibt, der noch besser ist. Als Meister muss man sich ein Hintertürchen offenlassen. Man muss konservativ vorgehen und langfristig planen – für 50 Jahre. Als Meister ist man in seiner Position nicht einfach ein Individuum, sondern man vertritt die gesamte Lehre der eigenen Kampfkunst. Wenn man in den Ring steigt und verliert, heißt das, dass man selbst nichts drauf hat oder das die eigene Kampfkunst nichts taugt?

Dieser amerikanische Meister war zu forsch. Ich schätze, dass es sehr schwierig für ihn wurde, den Kampfsportclub fortzuführen.

Herausforderungskämpfe im Dachengquan

Wenn sich Vertreter der alten Generation treffen, handelt es sich um einen Austausch von Erfahrungen. Wenn sich junge Leute auf einen Austausch einlassen, gehen sie stets aufs Ganze. Als ich jung war, prügelte ich mich an jeder Ecke. Aber als Mann mit einer entsprechenden Vergangenheit sollte man den Sinn des Sprichworts „Ein tapferer Mann spricht nicht über seine vergangenen Taten“ verstehen. In jedem Alter macht man die Dinge, die zu dem jeweiligen Alter passen und in jeder Position macht man die Dinge, die zu der jeweiligen Position passen. Das Leben eines Menschen teilt sich in mehrere Abschnitte. Die Jugend ist ein solcher Abschnitt. Es ist die Zeit, in der man ein aktiver Sportler sein kann. Man verfügt über reichlich Kraft und kann dies insbesondere in körperlichen Auseinandersetzungen einsetzen. Erreicht man das mittlere Alter, dann sollte man als Trainer tätig werden.

Die wilden Achtziger

In den achtziger Jahren war es zumeist so, dass Vertreter des Dachengquan Lehrer anderer Stile aus ihrer Schule oder von ihrem Übungsplatz durch einen Herausforderungskampf vertrieben. Es gab auch den umgekehrten Fall. So kam einmal ein Boxer, um uns zu vertreiben. Er behauptete von sich, er habe es in einem Vergleichskampf mit einer berühmten Persönlichkeit des Dachengquan zu einem Unentschieden gebracht. Er sprach zwar von einem Unentschieden, in der Tat aber hätte dies für jenen Vertreter des Dachengquan eine große Schmach bedeutet.

Er kam ganz aufgekratzt mit einem Motorrad angefahren und wollte zu Cui Youcheng[3]. „Du bist nicht in der Position, mit mir zu kämpfen. Warte bis einer meiner persönlichen Schüler kommt“, sagte Cui Youcheng. Der Schüler, der dann schließlich auftauchte, war ein ganz dünner Kerl. Auch er kam auf einem Motorrad. In dem Raum zogen sich beide Boxhandschuhe an. Sobald sie anfingen die Fäuste zu schwingen, regnete auf den Boxer einen Hagel von Schlägen ein. Der Boxer erlitt auf der Stelle Verletzungen. Sein Gesicht schwoll derart an, dass es ganz aufgequollen war.

Als er ging, war er nicht mehr in der Lage, mit dem Motorrad zu fahren. Das Motorrad ließ er beim Haus von Cui Youcheng einen Monat lang stehen. Nachdem der Boxer seine Verletzungen ausgeheilt hatte rief er an. Er sagte, er werde kommen, um das Motorrad abzuholen. „Hast Du einen persönlichen Eindruck gewonnen“, fragte Cui. „Ich habe einen Eindruck davon gewonnen, warum Ihnen ihr Ruf vorauseilt“, sagte der Boxer.

Zu Teil 2


[1] Xu Haofeng 徐皓峰 auch 徐浩峰 (geb. 1973): ist Regisseur, Drehbuchautor sowie Autor von Wuxia-Romanen und Berichten über Kampfkunstmeister. Mit den beiden Büchern Shiqu de Wulin 逝去的武林 – „Vergangene Welt der Kampfkunst“ und Dacheng ruo que大成若缺– „Großes Können gleicht einem Makel“   ist er der Vorreiter einer Literaturgattung in China, die sich speziell mit Augenzeugenberichten und dem Erleben von Kampfkünstlern beschäftigt.

[2] Wang Jianzhong 王建中(geb. 1955) aus Peking ist ein Vertreter des Baguazhang und des Dachengquan (eine alternative, aber auch umstrittene Bezeichnung für Yiquan). Er gilt als ein Praktiker des Kampfes innerhalb der inneren Kampfkünste. Er ist der Schwurbruder und Linienhalter des Dachengquan-Meisters Cui Youcheng。

[3] Cui Youcheng 崔有成 (1945-2008) war ein Vertreter der dritten Generation des Dachengquan bzw. Yiquan. Er lernte von Wang Binkui und war für seine praktischen Fähigkeiten im Kampf bekannt.

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