Die Wirkungen des Taijiquan können sich unter den zwei Gesichtspunkten entfalten: der Gesundheitspflege und der Kampfanwendung. Wenn man es für die Gesundheitspflege lernt, gilt es, die „Übungen der Selbsterkenntnis“ – zhijizhigong (d.h. Soloübungen) – bis zur Beherrschung zu trainieren. Dabei strebt man nach einer satten und frei fließenden inneren Energie – Neiqi. Nur auf diesem Weg kann man Krankheiten fernhalten und sein Lebensjahre verlängern. Wenn man es für die Kampfanwendung lernt, muss man auf der Grundlage der „Übungen der Selbsterkenntnis“ zusätzlich die „Übungen zur Erkenntnis des Gegners“ – zhibizhigong – zu trainieren: die Abwehr eines Gegners zum Selbstschutz.

Aus 杨式太极拳述真 – „Wahre Darstellung des Yang-Stil- Taijiquan“ – von Wei Shuren und Qi Yi kompiliert nach Unterrichtsanweisungen von Wang Yongquan[1], Volkssportverlag, Beijing, 1. Aufl. Sept. 1990.

Unter den heutigen Praktizierenden des Taijiquan, hat die absolute Mehrheit die Gesundheitspflege zum Ziel. Auch wenn manche die Absicht verfolgen mögen, ihre kämpferischen Fertigkeiten zu verbessern, so müssen auch sie zunächst über eine gesunde Konstitution und ausreichende innere Energie verfügen. Daher muss das Studium mit dem Rahmen (d.h. der Variante der Form) für die Gesundheitspflege beginnen. Es ist völlig unumgänglich, das Qi zu trainieren. Sonst kann man nichts bei der Gesundheitspflege erreichen und es wird einem auch nicht wirklich möglich sein, kämpferische Fähigkeiten zu erlangen.

Zhaoshu – Kampftechnik und Kunstfertigkeit

Wang Yongquan (r.) und sein Sohn Wang Zhongming beim Push Hands. Aufnahme aus den siebziger Jahren.

Wang Yongquan (r.) und sein Sohn Wang Zhongming beim Push Hands. Aufnahme aus den siebziger Jahren.

Geschichtlich betrachtet war es so, dass die Vorfahren des Yang-Stil-Taijiquan in der ersten Zeit nach ihrer Ankunft in Beijing neben dem Training der Bannertruppen in der Hauptsache den Nachwuchs des Adels in den Prinzenresidenzen in der Kampfkunst unterrichteten. Diese verhätschelten und verwöhnten Leute konnten nicht hart trainieren. Deswegen wurde ihnen nur der Rahmen zur Gesundheitspflege des Yang-Stil-Taijiquan, der aus dem Chen-Stil des Taijiquan entwickelt worden war, beigebracht. Das, was heutzutage weltweit verbreitet und allgemein geübt wird, ist genau diese Gesundheitsform. Wenn man lediglich diese Form übt, kann man nicht kämpfen. Es ist notwendig, sie durch Techniken des Roushou – Push – Hands zu ergänzen. Die Kampfform des Yang-Stil-Taijiquan wurde nur an den eigenen Nachwuchs und einen Teil der eingeweihten Schüler weitergegeben. Die Vorfahren fassten im Kampf bewährte Techniken zu einer Form zusammen. Diese Kampfform lässt sich für die Kampfanwendung einsetzen, aber als Grundlage und Rückhalt muss man dazu über Neigong – „innere Fertigkeiten“ verfügen. Der Begriff zhao – „Technik“ – oder auch „technischer Ablauf“ bezieht sich dabei auf die äußere Bewegung. Wenn man sich allein auf Technik im Kampf verlässt, kann man über Leute von schwächlicher Konstitution und wenig Geschick den Sieg davontragen. Gegenüber körperlich starken Leuten von großem Geschick wird dies nicht gelingen. Der Begriff shu – „Kunstfertigkeit“[2] – bezieht sich auf das Neigong – die „inneren Fertigkeiten. Gemeint ist damit die Verbindung des eigenen Shen – „Geistes“ –, Yi – „Vorstellung“ – und Qi – „Energie“. In der Kampfanwendung gilt es, mit dem eigenen Geist, der eigenen Vorstellung und Energie den Geist, die Vorstellung und Energie des Gegners zu kontrollieren. In der Technik – zhao – muss Kunstfertigkeit – shu – enthalten sein und bei der Kunstfertigkeit muss Technik vorhanden sein. Nur durch die Verbindung von Kunstfertigkeit und Technik – zhaoshu – kann die Wucht des Yang-Stil-Taijiquan zur Geltung gebracht werden und der Gegner geschickt und raffiniert besiegt werden. Demzufolge darf man weder beim Formentraining noch bei der Kampfanwendung nur auf die äußere Form und nicht auf die inneren Fertigkeiten, nur auf die Technik und nicht auf die Kunstfertigkeit achten. Die konkreten Einsatzmöglichkeiten im Zusammenhang mit der Kampfanwendung werden in nachfolgenden Kapiteln und Abschnitten weiter erläutert. An dieser Stelle sollen hauptsächlich die Wirkungen des Yang-Stil-Taijiquan auf die Gesundheitspflege in einfacher Weise vorgestellt werden.

Gesundheitsform als Fundament

Das Üben der Gesundheitsform bildet das Fundament. Beim Üben der Form gilt es auf die Kultivierung der inneren Fertigkeiten – Neigong – zu achten und die innere Energie – Neiqi – heranzubilden. In der Anfangsphase des Formentrainings sollte man darauf Wert legen, dass Geist – Shen –, Vorstellung – Yi – und Energie – Qi – sich nicht nach außen zerstreuen sondern innen zurückgehalten werden. Bei diesem inneren Zurückhalten handelt es sich nicht um ein krampfhaftes Konzentrieren, sondern es gilt, auf natürliche Weise und im entsprechenden Maße die innere Energie – Neiqi – im Körper zirkulieren zu lassen. Nur wenn die innere Energie sich nicht außerhalb des Körpers zerstreut, herrschen günstige Bedingungen für ihre stille Kultivierung. Die Bewegungen und Positionen des Rumpfes und der Extremitäten gehören zum Bereich der äußeren Gestalt. Beruhend auf den Bewegungen der äußeren Gestalt entfaltet sich die innere Energie. Dadurch wird sie ununterbrochen akkumuliert und genährt. Und nur, wenn die äußere Gestalt sich auf den Rückhalt stützt, der durch die innere Energie zur Verfügung gestellt wird, kann man ununterbrochene Bewegungen ausführen, die durch Kriterien song – „Entspannung“ –, wen – „Stabilität“ –, man – „Langsamkeit“ – und yun – „Gleichmäßigkeit“ – gekennzeichnet sind. Wenn der Geist, die Vorstellung und die Energie auf die Bewegungen und die Positionen gerichtet sind, manifestiert sich darin die Anwendung der Kunstfertigkeit – shu. Dann kann die plumpe Kraft allmählich ersetzt werden. Außerdem hat dies wieder Rückwirkungen auf die Kultivierung von Geist, Vorstellung und Energie. Nur, wenn die innere Energie und die äußere Gestalt aufeinander abgestimmt werden, können positive Effekte bei der Gesundheitspflege erzielt werden. Erst auf dieser Grundlage besteht die Möglichkeit, die kämpferischen Fertigkeiten des Yang-Stil-Taijiquan zu erlernen.

„Sich am ganzen Körper behaglich zu fühlen, ist der Urvater aller Methoden.“ Dieser Satz macht deutlich, dass das wichtigste Merkmal und die zentrale Anforderung in Bezug auf die Gesundheitsform Behaglichkeit, ein Gefühl der Zufriedenheit sowie Ungezwungenheit sind. Beim Üben sollte man auf folgende Punkte achten:

Der Körper muss auf natürliche Weise aufrecht sein, er darf sich weder zu einer Seite neigen noch schief sein.

Ausdrücke wie zhong zheng an shu – „mittig und aufrecht, ruhig und gedehnt“ –, xu ling ding jin – „leer und leicht den Scheitel nach oben drücken“ –, chen jian zhui zhou – „die Schultern senken und die Ellbogen hängen lassen“ – oder han xiong ba bei – „die Brust einziehen und den Rücken lang ziehen“ – machen diese Anforderung deutlich. Die oben erwähnten Anforderungen kai xiong – „die Brust öffnen“ – und zhang zhou – „die Ellbogen auseinander ziehen“ – sind unabdingbare Voraussetzungen für die Gesundheitsform. Wenn die Brust nicht geöffnet ist, die Ellbogen nicht auseinander gezogen sind, Hals und Kopf nicht gerade ausgerichtet sind, dann ist es nicht möglich, dass die Vorstellung Yi sich ungezwungen ausdehnt, die Energie Qi sich entspannt, frei zirkuliert und der Geist sich sammelt. Aber, die Brust zu öffnen, heißt nicht, sie herauszustrecken, die Ellbogen auseinander zu ziehen, bedeutet nicht, sie auseinander zu drücken, und den Scheitel (bzw. Kopf und Hals) aufrecht zu halten, meint nicht, den Nacken herauszudrücken. Der Übende muss darauf besonders achten. Die aufrechte Ausrichtung des Körpers muss unbedingt auf natürliche Weise erfolgen, sodass Kopf, Hals, Brust, Rücken, Schultern und Ellbogen sich alle angenehm entspannt anfühlen.

Der ganze Körper ist entspannt.

Jedes Gelenk und sämtliche Muskeln müssen entspannt sein, sodass am ganzen Körper überhaupt kein Gefühl der Steifheit vorhanden ist. Sobald der Körper entspannt ist, soll der Unterbauch (das Dantian) stets locker und ein wenig nach außen gewölbt sein. Auf keinen Fall darf hier Anspannung vorhanden sein und Kraft eingesetzt werden. Qi chen Dantian – „das Qi sinkt ins Dantian“ – bedeutet nicht, das Qi ins Dantian zu drücken. Man muss mit Hilfe der Vorstellung dafür Sorge tragen, dass es auf natürliche Weise entspannt ist. Das ganze Körpergewicht darf nicht auf den Knien, den Unterschenkeln und Fußgelenken lasten, sondern die Entspannung muss bis zu den Fußsohlen reichen.

Inneres und Äußeres sind miteinander verbunden.

Beim Laufen der Form müssen innere Energie und äußere Gestalt aufeinander abgestimmt sein. Es gilt, „mit der Vorstellung Yi die Energie Qi zu leiten und mit der Energie den Körper zu bewegen“. Während des Übens achtet man auf den natürlichen Lauf der Bewegung. Man muss dafür sorgen, dass am ganzen Körper stets ein angenehmes, frei durchgehendes und sattes Gefühl herrscht. Es darf nicht so sein, dass zuerst die äußere Bewegung durchgeführt wird, um die Zufuhr innerer Energie zu erzwingen. Der Einsatz von plumper Muskelkraft führt unvermeidlich zur Verspannung des ganzen Körpers und wirkt sich nachteilig auf die Gesundheitspflege aus. Beim Üben der Form muss erst der ganze Körper entspannt sein, um dann die innere Energie vom Rücken über die Schultern, Ellbogen, Handgelenke bis zu den Händen zu schicken. Danach nimmt man die innere Energie zurück, um sie wieder im Körper zu bewegen. Auf diese Weise geht es hin und her wie die Wellen des Changjiang-Flusses (Yangtsekiang), wo die nachfolgende Welle die vorhergehende anschiebt und eine Welle auf die nächste folgt. Wenn man die Endposition eines Bewegungsablaufs erreicht, soll der ganze Körper entspannt, weich, rund und beweglich sein – ohne Gezwungenheit, ohne Übertreibung, der Maßgabe entsprechend, wobei man aber noch Reserven hat.

Beim Öffnen und Schließen herrscht das richtige Maß.

Zwischen jedem Öffnen und Schließen gilt es, das rechte Maß zu finden, insbesondere darf der öffnende Teil des Bewegungsablaufs nicht übertrieben werden. Wenn man übermäßig die Position öffnet, nur um sie dann noch weiter zu öffnen, so führt dies zu einem Durcheinander bei der durch die Vorstellung geleiteten Energie – Yiqi. Sobald sich Bewegungsablauf und innere Energie voneinander lösen, wird die innere Energie über kurz oder lang in schädlicher Weise verschwendet. Nach dem Öffnen muss rechtzeitig ein Schließen erfolgen, sodass die durch die Vorstellung geleitete Energie sich wieder regeneriert. Sorgt man dafür, dass die innere Energie in einem angenehmen und ausgewogenen Zustand bleibt, so ist dies förderlich für die Gesundheitspflege. Folglich ist darauf zu achten, dass man bei Bewegungen mit einem relativ hohen Schwierigkeitsgrad keine übertriebenen Anforderungen an sich stellt. Um Verletzungen zu vermeiden, sollte man sich nicht zwingen, wenn man merkt, dass die innere Energie nicht ausreicht. Man muss das Gefühl dafür finden, mit dem passenden Maß an innerer Energie dem entsprechenden Bewegungsablauf Unterstützung zu geben, um zu sicher zu stellen, dass die innere Energie nicht zerstreut wird, sondern voll und lebendig ist, und dass man im entsprechenden Maß frei in seinen Bewegungsabläufen ist. Dadurch erreicht man, dass jede Bewegung rhythmisch im Wechsel von Öffnen und Schließen abläuft. In der Anfangsphase des Übens kann man sich vorstellen, wie man vom Körperinneren aus die drei Qi-Kreise, den Schulter, Taillen- und den Hüftgelenkskreis, ausbreitet, um auf diese Weise die inneren Fertigkeiten – Neigong – zu trainieren. Mit der fortlaufenden Verfeinerung der eigenen Fertigkeiten werden die (zunächst nur in der Vorstellung vorhandenen) Qi-Kreise allmählich entstehen und immer stärker werden. Darüber hinaus werden sich daraus durchweg positive Auswirkungen auf die Gesundheit ergeben.

Anforderungen der Kampfform

Bei der Kampfform gibt es die Anforderung, dass die innere Kraft – Neijin – durch die Hände nach außen tritt. Dies bezeichnet man als Gongfu chu shou – „Das Gongfu tritt aus den Händen aus“. Die Absicht besteht darin, einen angenommenen Gegner zu beeinflussen. Neben den oben erwähnten grundlegenden Anforderungen ist es auch noch notwendig, für jeden Bewegungsablauf zu erlernen, wie man die innere Kraft – Neijin – freisetzt. Zum Beispiel: Die Handbewegungen gehen vom Zentrum (d. h. der Zentrallinie) aus nach vorne. Zudem soll dabei die innere Kraft durch die Hände hindurch 30 cm bis ein Meter nach außen treten. Danach soll man noch in der Lage sein, die durch die Vorstellung geleitete Energie auf demselben Weg zurückzuziehen, um beweglich und flexibel den Bewegungsablauf zu wechseln. Jeder Bewegungsablauf kann in vier Schritte unterteilt werden: Ausgangspunkt, Verlauf, Endpunkt, Wechsel.

Abschnitte eines Bewegungsablaufs

Am Ausgangspunkt muss sich die Entspannung durch den ganzen Körper ziehen; runde und lebendige innere Energie wirkt auf Körperhaltung und die Haltung von Armen und Händen ein, sodass die Bewegung ungezwungen erfolgen kann. Während des Verlaufs behält man die runde und lebendige innere Energie bei, sodass die Bewegung, stabil, gleichmäßig und langsam abläuft. Dabei darf man weder ins Stocken geraten noch irgendwelche Kunstpausen einlegen. Wenn man den Endpunkt erreicht, sollen Geist, Vorstellung und Energie sich sammeln, während die innere Kraft aus den Händen austritt und auf einen konzentrierten Punkt hin abgegeben wird. Der Endpunkt stellt keineswegs einen Extrempunkt dar. Man muss Reserven zurückhalten, sodass man noch vor und zurück kann. Man geht nur so weit, wie man sich wohl dabei fühlt. Nur wenn man innere Kraft für den Wandel des Bewegungsablaufs gespeichert hat, kann man sie flexibel bei allen möglichen Techniken einsetzen. Beim Wechsel muss eine Verbindung zu der Position am Endpunkt hergestellt werden; mithilfe der runden und lebendigen Qi-Kreise zieht man den Geist, die Vorstellung und Energie, die man freigesetzt hat, wieder zurück, um dann in den nachfolgenden Bewegungsablauf zu wechseln.

Die drei Qi-Kreise

Die innere Kraft wird durch diesen Transformationsprozess ihre Wirkung entfalten und die entsprechende Stärke beim Auflösen (der gegnerischen Kraft) – hua – und Freisetzen (der eigenen Kraft) – fa – entwickeln. „Sie (d. h. die innere Kraft) wird von der Mitte aus freigesetzt, außen geformt und erreicht alles in der Umgebung“, diese Leitlinie (aus den klassischen Abhandlungen) stellt den entscheidenden Punkt dar, um die Qi-Kreise heranzubilden. Dabei sind wiederum die drei Qi-Kreise, nämlich der Schulter-, der Taillen- und der Hüftgelenkskreis, von höchster Bedeutung für die Kampfanwendung. Jianquan – der „Schulterkreis“ – stellt in der Hauptsache den flexiblen Wechsel im Bereich der Schultern, Ellbogen, Handgelenke und Hände sicher. Yaoquan – der „Taillenkreis“ – erlaubt an erster Stelle ein ungehindertes Drehen der Taille und ermöglicht das Freisetzen der Kraft an allen Stellen des Körpers. Kuaquan – der „Hüftgelenkskreis“ – sorgt im Wesentlichen für die Stabilität der unteren Körperhälfte und für die Beweglichkeit bei den Schritten vor und zurück, wobei der Wechsel von unbelastet zu belastet bei den einzelnen Schritten mit der Bewegung der oberen Gliedmaßen abgestimmt wird und auf diese Weise das Freisetzen der Kraft unterstützt wird.

Fazit

Im Taijiquan sollte man gemäß Alter, körperlicher Konstitution und charakterlicher Veranlagung sowie den äußeren Voraussetzungen die eigenen Ziele definieren und entsprechend den Trainingsfortschritt planen. Älteren Menschen und Leuten mittleren Alters geht es hauptsächlich um die Kräftigung des Körpers und die Heilung von Krankheiten, also darum, ein möglichst langes Leben zu genießen. Einige junge Menschen und auch Leute mittleren Alters interessieren sich dagegen für die Kampfanwendung. Aufgrund der unterschiedlichen individuellen Voraussetzungen und Wünsche sollte auch bei den Unterrichts- und Trainingsmethoden vergleichsweise differenziert vorgegangen werden. Dabei gilt es, den Lernenden zu einer aufrechten Haltung zu führen, während er Schritt für Schritt an seinen Übungen arbeitet. Beim Unterricht ist es notwendig, die Besonderheiten verschiedener Schüler zu erkennen, um sie gezielt zu unterweisen. Zum Beispiel: Eine Besonderheit von älteren Menschen ist unter anderem, dass sie über eine hohe Verständnisfähigkeit verfügen, während ihr Erinnerungsvermögen schlecht und ihre körperliche Kraft relativ schwach ist, sodass Fortschritte sich nur langsam einstellen. Man muss auf diese Besonderheiten achten, um ihre Stärken zur Entfaltung zu bringen und die Schwächen zu überwinden. Nur wenn man in seinen Bemühungen nicht nachlässt, wird man recht gute Ergebnisse erzielen können. Die Besonderheit von jungen Menschen und Minderjährigen liegt in ihrem Reichtum an körperlicher Kraft und geistiger Energie, ihr Gedächtnis ist gut, und sie machen dementsprechend recht rasche Fortschritte. Aber häufig neigen sie zu übertriebenen Ehrgeiz und wollen immer siegreich bleiben; es mangelt ihnen an Geduld und sie sind relativ wankelmütig. Als Erstes muss man daher dafür Sorge tragen, dass der Anfänger begreift, wie wichtig es ist, sich an die Tugend eines Kämpfers – Wude zu halten. Man muss darauf achten, Hitzköpfigkeit und Arroganz zu überwinden und sich streng vor Streitlust hüten. Umgesetzt auf das Training der Kampfkunst bedeutet dies, dass man nach und nach die im Laufe des Lebens erworbene plumpe Muskelkraft hinter sich lässt und ununterbrochen die innere Kraft mehrt. Nur wenn man die Form als Grundlage übt, kann man danach die Methoden der Kampfanwendung vermitteln, um schließlich die Fertigkeit des Überwindens der Härte durch Geschmeidigkeit im Taijiquan, so wie es in dem Spruch „Mit vier Unzen 1000 Pfund in Bewegung versetzen“, ausgedrückt wird, zu erlernen.

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[1] Wang Yongquan 汪永泉 (1904-1987) war ein Vertreter des Yang-Stils des Taijiquan und für seine herausragenden Fähigkeiten im Push Hands bekannt. Sein Vater war Major Domus für das Anwesen eines mandschurischen Adeligen, der von Yang-Familie Taijiquan lernte. Mit sieben Jahren begann auch Wang Yongquan in der Yang-Familie zu lernen. Zunächst vor allem von Yang Jianhou und auch von dessen Sohn Yang Chengfu, der Wang nach dem Tode von Yang Jianhou (1917) auch formell als Schüler annahm. Daneben diente er oft Yang Shaohou, dem älteren Bruder von Yang Chengfu, auch als „Zielscheibe“ beim Push Hands, so dass er dessen außergewöhnliche Kampfkraft am eigenen Leib erfahren konnte. In seinen späten Jahren unterrichtete Wang Yongquan eine frühe Variante der Yang-Form genannt Lao Liu Lu  – „Alte Sechs Bahnen“ –, die anscheinend auf Yang Jianhou zurückgeht und sich deutlich durch ihre Komplexität und Anwendungsorientierung von der späteren standardisierten 85er Form von Yang Chengfu unterscheidet.

[2] Zhaoshu 招术 ist zusammen ein feststehender Begriff aus zwei Zeichen und wird für gewöhnlich und mit „Technik“, „Bewegungsablauf“ übersetzt. Zhao bezieht sich auf eine Bewegung (in erster Linie mit Armen und Händen) und shu auf das Geschick bzw. die Kunstfertigkeit, die der Bewegung zugrunde liegt.

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