Traditionen & Geschichte – Sinoblog 中德博客 https://sinoblog.de Der Blog zu Chinas Kultur des Kampfes - Konzepte | Erfahrungen | Traditionen Sat, 19 Nov 2016 15:24:04 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 500 Jahre Wushu – Die mittlere Periode der Qing-Zeit https://sinoblog.de/2016/11/13/500-jahre-wushu-die-mittlere-periode-der-qing-zeit/ https://sinoblog.de/2016/11/13/500-jahre-wushu-die-mittlere-periode-der-qing-zeit/#respond Sun, 13 Nov 2016 12:17:56 +0000 https://sinoblog.de/?p=342 Die Entwicklung des Wushu im 18. Jahrhundert stellt vor allem eine Fortsetzung dreier charakteristischen Leitlinien des 17. Jahrhunderts dar: der Betonung der individuellen Kampfesweise, der Hinwendung zu waffenlosen Kampftechniken und des Wandels hin zur Lebenspflege. Diese neuen Schwerpunkte führten zu eine ständigen Bereicherung von Technik und Methodik der Kampfsysteme. Ihre Erforschung machte täglich Fortschritte. In der Folge entstand nacheinander eine Reihe von Theorien zur waffenlosen Kampfkunst.

Teil 3 – Von Tong Xudong
Aus Magazin für Chinesische Kampfkunst Heft 9 (2/2008 – ursprünglich in dieser und zwei folgenden Ausgaben erschienen), chinesisches Original erschienen in der chinesischen Kampfkunstzeitschrift Wuhun

Die Fortschritte im Wushu des 18. Jahrhunderts zeigen sich besonders deutlich in der tieferen Erkenntnis und der umfassenden Darstellung der Zusammenhänge bezüglich der Koordination von Hand, Auge, Körper und Schrittarbeit und auch der damit verbundenen Funktionen des menschlichen Körpers. Insbesondere wurde in dieser Zeit schon dem Zusammenhang zwischen Zhongqi – dem „zentralen Qi“ (des Dantian-Bereichs) aus der Lebenspflege und dem Shenqi – dem „Qi des Geistes“ (der geistigen Energie bzw. Entschlossenheit) aus dem Bereich der Kampfanwendung Beachtung geschenkt.

Repräsentanten der neuen Periode

Als Repräsentanten dieser Periode gelten unter anderem Cao Huandou, Chang Naizhou, Wu Zhong, Dai Longbang und Ma Xueli. Indem wir uns mit ihren Leistungen in der Kampfkunstlehre beschäftigen, können wir uns einen Begriff von den Besonderheiten und dem Stand der Entwicklung der chinesischen Kampfkünste des 18. Jahrhunderts machen. Im Folgenden sollen Cao Huandou und Chang Naizhou näher vorgestellt werden.

Cao Huandou

Von Cao Huandou sind die Lebensdaten nicht genau bekannt. 1784 vollendete er die Kompilation des Werks Quanjing Quanfa Beiyao[i] – „Kanon des Faustkampfs und Kompendium der Faustkampfmethoden“. Dieser Klassiker der waffenlosen Kampfkunst hatte zuvor einen fast zwei Jahrhunderte andauernden Prozess ständiger Revisionen und Ergänzungen durchlaufen.

Dieses Buch ist eines der wichtigsten Werke des 18. Jahrhunderts. Seine zusammenfassenden Erläuterungen zur geistigen Einstellung, Handtechnik, Schrittarbeit und Körpereinsatz erreichen ein sehr hohes Niveau. Mit dem Resümee, dass Hände, Füße und Körper „als ein Stück hineinschießen“, zeigt das Buch das Wesentliche jeglicher Angriffstechnik auf. Darüber hinaus werden darin die Zusammenhänge zwischen Kampftechniken und den Bewegungen des Körpers, der Hände und der Schritte sowie die Beziehung zwischen waffenlosem Kampf und Waffentechniken demonstriert. Dies zeigt sich deutlich in folgender Aussage:

„Im Faustkampf sind die Methoden des Körpereinsatzes, der Handtechniken und der Schrittarbeit enthalten. Tatsächlich stellt dies die dreiteilige Grundlage der Kampfkunst dar. Ist die Grundlage nicht vorhanden, gelingt es einem nicht, die Waffentechniken zu meistern. Möchte man die Waffentechniken meistern, muss man zunächst über den Faustkampf reden.“

Das in dem Buch erreichte Niveau der Kampfkunstlehre und die darin beschriebenen, allgemein gültigen Regeln der Anwendung sollten einen weit reichenden Einfluss haben auf die spätere Entwicklung der Kampfsysteme des Xingyiquan, Baguazhang, Taijiquan und des Tongbeiquan. Folgende Zitate mögen hierzu einen Eindruck vermitteln:

„Was die Handtechniken anbetrifft, so nutzt man die Lücke aus, um einzudringen. Man geht nicht gegen die Kraft des Gegners an. Man nutzt den richtigen Zeitpunkt zum Vorgehen aus. Man macht sich die Zweifel des anderen zunutze. Es ist wie bei Xiong Yiliao, der mit Bällen jongliert (und damit in der Geschichte des daoistischen Philosophen Zhuangzi sein Gegenüber aus der Fassung bringt); man bewegt sich in Kreisen, ohne Anfang und ohne Ende. Es ist wie bei dem Meisterkoch, der ein Rind zerteilt; sein Messer gleitet genau an die Stellen, an denen genügend Platz da ist, dass es eindringen kann.
Was den Körpereinsatz angeht, so ist man schwer wie der Berg Taishan und leicht wie eine in der Luft schwebende Gänsefeder. An den Stellen, an denen man sich auf und ab bewegt, gleicht man sanften Blüten, die tanzend durch die Luft fliegen. An den Stellen, an denen man zu einer anderen Bewegung wechselt, ist man wie ein lebendiger Tiger und ein leibhaftiger Drache.
Was die Schrittarbeit anbelangt, so ist diese nicht nur wunderbar sondern auch geheimnisvoll. Man kann kaum den Spuren folgen. Mal sind die Schritte lang, mal kurz – man kann sie nicht fassen. Geht man vor, so stemmt man sich gegen einen Berg. Geht man zurück, so stürzt man ins Meer.“

„Den Geist verbirgt man auf der Linie der Augenbrauen. Das Qi bewegt man im Inneren des Streifens um die Taille.“

„Es ist günstig, wenn der Körper weich und die Hände lebendig sind.“

Die wesentliche Kraft einer Kampfkunst

Cao Huandou beschäftigte sich erstmals relativ intensiv mit Fragen, die mit bestimmten Gesetzmäßigkeiten der Entstehung der wesentlichen Kraft einer Kampfkunst in Zusammenhang stehen. Er vollendete nicht nur das Werk „Kanon des Faustkampfs und Kompendium der Faustkampfmethoden“ sondern war auch selbst ein großer Kampfkünstler mit einer umfassenden Erfahrung. Von ihm wird gesagt, dass „er in der Gegend des Jangtse-Flusses, des Huai-Flusses, des Ost- und des Westufers des Zhe-Flusses sowie in der Gegend um den Berg Jingshan umherzog, zahllose Leute (bei Ihrer Kampfkunst) begutachtete und bei Vergleichskämpfen nie verlor.“

Aus diesen Gründen ist Cao Huandou zweifellos einer der wichtigsten chinesischen Kampfkünstler des 18. Jahrhunderts. Allerdings war seine akademische Leistung immer noch auf die empirische Darstellung beschränkt. Ihm gelang es noch nicht, auf die Ebene der Theorienbildung vorzustoßen. Auch ging er nicht näher auf die Beziehung zwischen innerer Kultivierung und Kampfanwendung ein.

Chang Naizhou

Über die Leistung von Chang Naizhou (1724-1783) innerhalb der Kampfkunstlehre können wir uns heute mithilfe seines Buches Chang Naizhou Wuji Lun – „Abhandlung über die Kampftechnik von Chang Naizhou“ ein Bild machen. Jedoch entstand die uns heute vorliegende Fassung des Buches zwei Jahrhunderte später im Jahr 1932. Xu Zhedong (1898-1967, auch bekannt als Xu Zhen) stellte diese Fassung zusammen, wobei er einige Teile hinzufügte und andere wegstrich.

Der Herausgeber Xu Zhedong gab auch zu, dass das Buch später hinzugefügte Inhalte umfasste und dass zahlreiche Stellen verändert worden waren. Außerdem sind Authentisches und Unechtes kaum noch voneinander zu unterscheiden. Daher kann man bei einigen Darstellungen in dem Buch nicht immer unbedingt davon ausgehen, dass es sich um eine Leistung aus der Zeit von Chang Naizhou handelt. Allerdings lässt sich der Ursprung des Buches bis zu Chang Naizhou zurückverfolgen – wenigstens das kann man als glaubhaft ansehen. Daher spiegelt das Buch im Großen und Ganzen die Merkmale und das Erscheinungsbild der Kampftechniken in der Region der chinesischen Zentralebene während der mittleren Periode der Qing-Dynastie wider.

Das zentrale Qi

In der von Xu Zhedong überarbeiteten und 1932 fertig gestellten „Abhandlung über die Kampftechnik von Chang Naizhou“ finden sich recht tief gehende Darstellungen zur geistigen Haltung, zu Handtechniken und Schrittarbeit sowie zur Entstehung und Anwendung der wesentlichen Kraft. Insbesondere die Erläuterung des Faustkampfs mithilfe des Begriffs des „zentralen Qi“ stellt einen Vorstoß in einen neuen Bereich der Erforschung der Kampfkünste dar.

Obwohl in der „Abhandlung über die Kampftechnik von Chang Naizhou“ somit bereits eine Theorie auftaucht, die besagt, dass das Fundament der Kampfkunst auf das „zentrale Qi“ zurückzuführen ist, kann von einer Einheit zwischen der Theorie des inneren Aspekts des „zentralen Qi“ und der äußerlich sichtbaren Kampftechniken noch nicht die Rede sein. Die optimale Verbindung zwischen dem gesundheitlichen Element der Pflege des Lebens und der Kampfanwendung lässt sich darin noch nicht erkennen.

Dennoch kann man festhalten, dass Chang Naizhou durch die Verbindungen, die er zum Yijing – dem „Buch der Wandlungen“, zu dem Prinzip von Yin und Yang, den Atemtechniken des Daoyin und des Tuna sowie zu der Lehre von den Leitbahnen des Qi aus der traditionellen chinesischen Medizin herstellt, die Erforschung der Kampfkunst auf eine neue Ebene hebt. Dies reicht hin bis zu den Körperfunktionen des Menschen. Aufbauend auf den Leistungen seiner Vorgänger gehen auch seine Untersuchungen zu den grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der Handtechniken, Fußarbeit und des Körpereinsatzes noch einen Schritt weiter. Somit wurde er zu einem Repräsentanten für die Leistungen in der chinesischen Kampfkunstlehre des 18. Jahrhunderts.

Väter des Tongbei und des Xinyiliuhequan

Neben Cao Huandou und Chang Naizhou sollen noch folgende wichtige Persönlichkeiten jener Zeit erwähnt werden: Als ein bedeutender Erbe der klassischen Speertechnik und Kampfkunst verband Wu Zhong (1712-1802) die Technik des Liuhe Qiang – „Speers der sechs Verbindungen“ mit dem Bajiquan. Dies hob die klassische Speertechnik auf eine neue Stufe und wurde auch zu einem Bestandteil des später von Ma Fengtu (1888-1973) geschaffenen Tongbei-Kampfsystems.

Als eine wichtige Persönlichkeit, die die Leistungen von Ji Longfeng in der Kampfkunstlehre weiterführte und weiterentwickelte, wird Dai Longbang (1713-1802) von allen heutigen Stilrichtungen des Xingyiquan verehrt. Ein anderer bedeutender Kampfkünstler, der ebenfalls das Erbe von Ji Longfeng weiterführte und weiterentwickelte, war Ma Xueli (1715-1790). Er gilt als der Gründer der Xinyiliuhequan-Linie der Provinz Henan. Über die technische Stilistik des heutigen Xinyiliuhequan in Henan lassen sich Rückschlüsse auf die große Leistung von Ma Xueli ziehen. Dies betrifft geistige Haltung, Körpereinsatz, Handtechniken und Schrittarbeit. Eine Besonderheit von ihm waren die „vier Methoden und eine Technik“. Die Anwendung dieses Prinzips war einfach und hoch effektiv.

Allerdings ist es auch so, dass man die Leistungen dieser drei zuletzt genannten Personen im Bereich der Kampfkunstlehre nur schwer korrekt einordnen und bewerten kann, da es keine erhalten gebliebenen schriftlichen Werke gibt, die ihnen verlässlich zugeordnet werden können. Trotzdem sind sie zweifellos alle als Meister des Wushu des 18. Jahrhunderts mit großem Einfluss auf die Kampfkunst nachfolgender Generationen anzusehen.

Fortführung des Erbes

Ein Kennzeichen des chinesischen Wushu des 18. Jahrhunderts ist es, das durch die Fortführung des Erbes eines Wu Shu, eines Ji Longfeng und eines Chen Zouting den Meistern des 19. Jahrhunderts wie Dong Haichuan, Yang Luchan, Li Nengran, Wu Yuxiang und Guo Yunshen der Weg geebnet wurde. Dies ist auch in einem direkten Zusammenhang damit zu sehen, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse in der mittleren Periode der Qing-Dynastie relativ stabil waren.

Das Individuum im Zentrum des Übens

Mit der weit verbreiteten militärischen Anwendung von Feuerwaffen wurden die Kampfkünste in ihrer Rolle auf dem Schlachtfeld weitgehend zurückgedrängt. Dies förderte im positiven wie im negativen Sinne eine tiefer gehende Entwicklung der Kampfkünste. Wenn sie einerseits überhaupt noch eine Rolle mit ihrer Kampftechnik auf dem militärischen Schlachtfeld spielen wollten, mussten die Kampfkünstler die Effektivität ihre Kampftechnik in einem Ausmaß erhöhen, die eine Anpassung an den Kampf mit Feuerwaffen möglich werden ließ. Andererseits war der Rückzug der Kampfkünste vom Schlachtfeld vorteilhaft für eine Hinwendung hin zur Steigerung der individuellen Kampffähigkeit. So wurde es möglich, dass Kampfkünstler nach stetiger Perfektion ihres Könnens strebten. Außerdem wandelte sich in diesem Prozess das Ziel des Übens von Kampfkünsten hin zur Selbstkultivierung.

Nachdem die Kampfkünste ihre entscheidende Bedeutung auf dem Schlachtfeld verloren hatten, führten die zwei hier genannten Aspekte zu einer Entwicklung hin zu einem noch höheren Grad an technischer Perfektion. Diese Tendenz sollte zweihundert Jahre lang bestimmend sein. Danach erreichte die Entwicklung des chinesischen Wushu im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt.

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[i]Quanjing Quanfa Beijyao 拳经拳法备要 – „Kanon des Faustkampfs und Kompendium der Faustkampfmethoden“ stellt ein zweiteiliges Werk dar, das auf dem Quanjing – „Kanon des Faustkampfs“ von Zhang Kongzhao 张孔照 (Lebensdaten unbekannt) beruht. Dieser „Kanon des Faustkampfs“ wird von Cao Huandou 曹焕斗 ergänzt und erläutert. Der zweite Teil Quanfa Beiyao – „Kompendium der Faustkampfmethoden“ stammt wahrscheinlich vollständig aus der Feder von Cao Huandou. In dem Werk werden waffenlose Kampftechniken des Shaolinquan teils illustriert erläutert.

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500 Jahre Wushu – Kampfkünste der frühen Qing-Zeit https://sinoblog.de/2015/12/13/500-jahre-wushu-kampfkuenste-der-fruehen-qing-zeit/ https://sinoblog.de/2015/12/13/500-jahre-wushu-kampfkuenste-der-fruehen-qing-zeit/#respond Sun, 13 Dec 2015 13:41:08 +0000 https://sinoblog.de/?p=183 Die Bedrohung durch japanische Piraten war es, die wesentlich zu einer Wiederbelebung der militärischen Kampfkünste in der zweiten Hälfte der Ming-Zeit (1368-1664) beitrug. Im Zentrum stand der bewaffnete Kampf in Formationen. Doch als Grundlagentraining übten sich die Soldaten in waffenlosen Kampftechniken. Bald aber schon sollte diese Phase vorbei sein. Erstaunlicherweise erreichte die Evolution der Kampfkunst in China unter der Fremdherrschaft der Mandschuren während der Qing-Dynastie ihren Höhepunkt. Nun jedoch standen die individuellen Fertigkeiten im Zentrum der Entwicklung.

Von Tong Xudong
Aus Magazin für Chinesische Kampfkunst Heft 9 (2/2008 – ursprünglich in dieser und zwei folgenden Ausgaben erschienen), chinesisches Original erschienen in der chinesischen Kampfkunstzeitschrift Wuhun.

Teil 2 – zu Teil 1

Die Periode, in der der Kampf in Formationen und in strukturierten Einheiten die führende Rolle in der Entwicklung der chinesischen Kampfkünste spielte, war schon bald vorüber. Nach nicht einmal 100 Jahren kam es bereits in schneller Folge zu Verzerrungen und Verfallserscheinungen. Welche Ursachen führten nun dazu, dass nach weniger als einem Jahrhundert diese militärischen Kampfkünste, die den Ausgangspunkt des Wiedererstehens der chinesischen Kampfkünste insgesamt darstellten, einen derartigen Verfall ihrer Bedeutung erlebten?

Niedergang der militärischen Kampfkünste

Wenn wir über die Entwicklungstendenzen des chinesischen Wushu in jener Zeit sprechen, gibt es eine Sache, die wir nicht übersehen dürfen, nämlich die Renaissance in Europa. Diese kulturelle und ideologische Strömung in Europa, die vom 14. bis zum 16. Jahrhundert andauerte, befreite nicht nur das Denken der Europäer sondern auch ihre Arbeitspraktiken, sodass dort Wissenschaft und Technik eine nie da gewesene Entwicklung nahmen.

Als die Europäer von weit her übers Meer nach China kamen, brachten sie ihre Kanonen mit in dieses alte Land des Ostens. Diese wurden von den Chinesen „Fränkische Maschinen“ (als Bezeichnung für die Kanonen, die die Portugiesen mitführten) und „Kanonen der roten Ostbarbaren“ (womit die „rothaarigen“ Holländer gemeint waren) genannt. Die von den Europäern hergestellten großen Kanonen mit ihrer gewaltigen Feuerkraft erhöhten in großem Umfang die Bedeutung und Funktion der Feuerwaffen auf dem Schlachtfeld. Angesichts dieser großen Kanonen büßte der Schild, der einst der Abwehr von Pfeilen und Geschossen primitiver Feuerwaffen diente, vollkommen seine Funktion ein. Damit waren auch der Kampf in Formationen mit aufeinander abgestimmten kurzen und langen Hieb- und Stichwaffen sowie die Taktik derart strukturierter Einheiten veraltet.

Dies führte dazu, dass sich die militärischen Kampfkünste für den Einsatz in den strukturierten Einheiten sich allmählich hin zu individuellen Kampfkünsten für den Kampf Einzelner entwickelten.

Genau zu dieser Zeit drangen auch die Mandschuren über die große Mauer nach China ein und errichteten die Herrschaft der Qing-Dynastie (1644-1911). Danach befahl die neue Dynastie, dass die im Volk vorhandenen Waffen[i] abzugeben waren. Hieb- und Stichwaffen durften sich nicht mehr in den Händen des Volkes befinden. Diese großen Umwälzungen und Konflikte in der Gesellschaft jener Zeit führten dazu, dass die Entwicklung der chinesischen Kampfkünste im 17. Jahrhundert unvermeidlicherweise eine neue Richtung einschlagen sollte.

Neue Theorien nach dem Dynastiewechsel

Durch welche Merkmale zeichneten sich also die chinesischen Kampfkünste des 17. Jahrhunderts aus?

Als Erstes erreichten die Theorie zu den Hieb- und Stichwaffen ein neues Niveau. Mit der Etablierung der Herrschaft der Qing-Dynastie zogen sich einige Gelehrte der vorhergehenden Ming-Dynastie in die Halbwelt der Kämpfer und Gaukler[ii] zurück. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass diese Leute alle ihre Energien auf ihre theoretischen Studien konzentrierten. Dies galt in gleichem Maße auch für die Forschung im Bereich der Kampfkunstlehre. Wu Shu (1611-1695) darf in dieser Hinsicht als ein Repräsentant dieser Ära gelten.

500 Jahre Wushu_Zeittafel

Die Zeit des Übergangs von der Ming- zur Qing-Dynastie war von zahlreichen Kriegswirren begleitet. Das Land befand sich in einer ernsten und bedrohlichen Lage. Als Folge davon bildete sich bei Gelehrten aus Nord- und Südchina eine Strömung, die sich mit militärischer Theorie beschäftigte und die Kampfkünste hochhielt. Unter diesen Gelehrten gilt Wu Shu als derjenige mit den höchsten Verdiensten und den größten Erfolgen. Als Folge jahrzehntelanger konzentrierter Arbeit hinterließ er der Nachwelt fünf Werke der Kampfkunstlehre: Ji Xiao Da Ci – „Verständliche Worte zu den militärischen Prinzipien und deren Wirkungen“, Shoubi Lu – „Aufzeichnungen über Arme und Hände“, Meng Lü Tang Qiangfa – „Die Speertechnik der grünen Halle der Träume“, Emei Qiangfa – „Emei-Speertechnik“ und Wuyin Lu – „Rückhaltlose Aufzeichnungen“.

Der Verfasser dieses Artikels hat lediglich zu den „Aufzeichnungen über Arme und Hände“ (dem bekanntesten Werk von Wu Shu) Untersuchungen angestellt. Die „Aufzeichnungen zu Armen und Händen“ bauen unter anderem auf den Texten Ji Xiao Xin Shu – „Neues Buch über militärische Prinzipien und deren Wirkungen“ von Qi Jiguang, Gengyu Sheng Ji – „Techniken für die übrige Zeit nach der Bestellung des Bodens“ von Cheng Chongdou und Wubei Yaolüe – „Abriss militärischer Ausrüstung“ von Cheng Ziyi (dem Neffen von Cheng Chongdou) auf.

Weiterentwicklung der Speertechnik

In den „Aufzeichnungen über Arme und Hände“ finden sich Beschreibungen der Speertechnik von berühmten Meistern wie Shi Jingyan und Cheng Zhenru, die aus den Provinzen südlich des Jangtse-Flusses stammten und gegen Ende der Ming-Zeit lebten, sowie Vermerke über den Ursprung ihrer Überlieferung. Darüber hinaus werden darin konkrete und detaillierte Vergleiche der verschiedenen Speerkampf-Schulen der Ming-Zeit angestellt.

Im Bereich der Erforschung der Speertechnik werden in den „Aufzeichnungen über Hände und Arme“ Konzepte wie die Folgenden vorgestellt: die Lehre, dass die Speertechnik durch eine „runde Mechanik“ gekennzeichnet ist; die Lehre von unterschiedlichen Kreisformen und deren Anwendung; die Idee, dass der „ursprüngliche Geist“ der Speertechnik ein Abbild der Flugbewegungen von Vögeln in der Luft darstellt; die Lehre vom Einsatz der „Wurzel“ (bzw. des Griffendes) des Speers; die Lehre von den Techniken Shan – „Ausweichen“, Zuan – „Täuschen“, Dian – „Umkehr“ und Ti – „Hochheben“ sowie von Tuo – „Sich Lösen“ und Hua – „Abwandeln“. Außerdem finden sich darin ein „Kapitel über das richtige Maß beim Stich“ und die „Geheimnisse der Speertechnik“.

Mit diesem Werk zeigte Wu Shu die grundlegenden Regeln der Speertechnik in der Anwendung und sogar einige allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Bewegung in jedweder Form der Auseinandersetzung auf. Ein Hinweis darauf, welch fortgeschrittenes Niveau in der Erkenntnis der Kampftechnik er bereits erreicht hatte, stellen folgende Aussagen dar:

„In der quer entgegenstellenden Bewegung ist eine Bewegung gerade nach vorn enthalten und in der geraden Bewegung nach vorn ist eine quer entgegenstellende Bewegung enthalten.“

Außerdem unterscheidet er sechs Grade der Speertechnik – den ersten und höchste beschreibt er wie folgt:

„Der erste nennt sich die ‚Wandlung des Geistes’: Ich bin ohne jede eigene Fähigkeit, sondern forme meinen eigenen Körper nach den Vorgaben des Gegners – so wie das Wasser Wellen gebiert und wie das Feuer Flammen erzeugt.“

Er dringt sogar bis zu dem Phänomen vor, dass es „kein Tun gibt und doch nichts ungetan bleibt, man es spürt und sich sofort die Verbindung ergibt“.

Dennoch beschränkt sich die Leistung von Wu Shu hauptsächlich auf eine Ebene, die sich mit der Untersuchung der Technik des Speerkampfs befasst. Zwar zeigen sich bei ihm Ansätze, in denen er sich bereits mit den Gesetzmäßigkeiten für das Entstehen bestimmter Formen der wesentlichen Kraft – Jin – beschäftigt, aber diese Untersuchungen gehen noch nicht in die Tiefe. In Bezug auf die von ihm vorgebrachte Unterscheidung nach „sechs Graden der Speertechnik“ mit dem höchsten Grad der so genannten ‚Wandlung des Geistes“ fehlen weitergehende Erläuterungen zu den Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten, wie man den „eigenen Körper nach den Vorgaben des Gegners formt“.

Vom Speer zum waffenlosen Kampf

Das zweite Merkmal der chinesischen Kampfkünste des 17. Jahrhunderts bestand in der Überführung der Speertechnik in die waffenlose Kampfkunst. Das Ergebnis war, dass die Erforschung des waffenlosen Kampfs eine neue Stufe erreichte. Ein Repräsentant in dieser Hinsicht ist Ji Longfeng (1602-1680) (auch bekannt unter dem Namen Ji Jike).

Im Rahmen der militärischen Kampfkünste dienten waffenlose Techniken in jener Zeit nur als eine Grundlage für die Anwendung von Waffen. Der Schwerpunkt lag auf gymnastischen Bewegungen, um Rumpf, Arme und Beine beweglicher zu machen. Die Schrittarbeit sollte flink und gleichzeitig stabil sein. Das Ziel war, dass nach Befehl Bewegungen vor und zurück reibungslos ausgeführt werden konnten. Es handelte sich beim Training waffenloser Techniken um eine Methode, die körperlichen Qualitäten der Soldaten zu verbessern. Sie waren keineswegs ein Ausdruck der kämpferischen Fähigkeiten der Truppe.

Jedoch bewirkte die Politik des Verbots von Waffen im Volke und die Anordnung zur Auslieferung solcher Waffen an die Behörden am Anfang der Qing-Dynastie, dass eine Reihe von Kampfkünstlern sich gezwungen sahen, waffenlose Techniken anstelle von Waffentechniken als eine Selbstverteidigungsmethode einzusetzen. Dieser Umstand beflügelte die Erforschung der waffenlosen Kampfkunst hin zu neuen Höhen.

Ji Longfeng beschäftigte sich auf der Grundlage der Speertechnik, die er meisterhaft beherrschte, mit waffenlosen Selbstverteidigungstechniken. Nachdem er die Prinzipien des Speerkampfs vollkommen durchdrungen hatte, entwickelte er als Essenz daraus das Grundprinzip der Liuhe[iii] – „sechs Verbindungen“. Er ließ sich bei den Prinzipien seiner waffenlosen Kampfkunst von den Prinzipien des Speerkampfs leiten und schuf das Xinyiliuhequan, dessen besonderes Kennzeichen die zehn Tierformen sind.

Die Entwicklung des Grundprinzips der sechs Verbindungen ist ein Kennzeichen für das Erreichen einer neuen Stufe in der Erforschung der Kampfkunst. Auf dieser Stufe geht es um die Untersuchung der Entstehung und der Gesetzmäßigkeiten der wesentlichen Kraft. Dies sollte einen großen Einfluss auf die Entstehung und Entwicklung späterer Kampfstile haben.

Einführung daoistischer Übungen

Das dritte Merkmal der chinesischen Kampfkünste jener Zeit war, dass man anfing, Elemente (der daoistischen Atem- und Meditationstechniken) des Daoyin – „Führen und Leitens“ und Tuna – „Aussstoßens und Aufnehmens“ in die Kampfkünste zu absorbieren. Die Kampfkünste begannen, sich in Richtung Lebenspflege und Fitness zu entwickeln.

Stellvertretend hierfür sind Chen Zouting (1600-1680), auch bekannt als Chen Wangting (Chen Zouting ist der Erwachsenenname, Chen Wangting der Geburtsname) und der von ihm geschaffene Chen-Stil zu nennen. Mit den 32 Faustkampftechniken von Qi Jiguang als Grundlage verschmolz er Techniken des Daoyin und des Tuna. So schuf er die 13 Techniken des Changquan – der „Langfaust“. Bei dieser Kampfkunst wird die Funktion der Lebenspflege betont. Dieser Beitrag von Chen Zouting sollte auf die spätere Entwicklung des Taijiquan einen wichtigen und großen Einfluss haben.

Fazit

Aus all diesen Gründen entstand in den Kampfkünsten ab dem 17. Jahrhundert eine Tendenz hin zur Betonung individueller Fähigkeiten. Im Kontext der einzelnen Kampfkunst stieg außerdem die Bedeutung der waffenlosen Kampftechnik. Schließlich setzte eine evolutionäre Entwicklung in Richtung Lebenspflege und Fitness ein. Dies zusammen sollte zu den drei charakteristischen Punkten der Entwicklung des Wushu im 17. Jahrhundert werden und auch die Hauptrichtung der Entwicklung in den folgenden Jahrhunderten darstellen.

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[i] Dieses Verbot des Besitzes von Waffen wurde schnell wieder aufgeweicht. Bereits 1649 wurde der Besitz der meisten Waffen, wie Speere, Pfeil und Bogen, Säbel etc. wieder erlaubt. Verboten blieb lediglich der Besitz von Waffen, die speziell für den Einsatz auf dem Schlachtfeld gedacht waren, nämlich Rüstungen und Kanonen.
Siehe Zhang Yaoting u. a.: Zhongguo Wushushi – „Geschichte der chinesischen Kampfkunst“, Renmin Tiyu Chubanshe (Volkssportverlag) 1997, S. 300.

[ii]  Halbwelt der Kämpfer und Gaukler: Diese Übersetzung ist eine Annäherung an den Begriff Jianghu 江湖 (wörtlich: „Flüsse und Seen“). Diese „Halbwelt“ wird bereits in klassischen Romanen (wie dem in der Ming-Zeit verfassten Shuihu Zhuan, bei uns bekannt als „Rebellen vom Liangshan-Moor“) beschrieben. Sie stellt eine Art Gegen- oder Parallelgesellschaft im Kontrast zur offiziellen durch das Beamtentum geprägten Gesellschaft und ihrer Werteorientierung dar. Darin finden sich umherziehende Gaukler, Mitglieder von Geheimgesellschaften und einzelgängerische Kämpfer von mehr oder weniger „edler“ Gesinnung wieder. Gemeinsam ist ihnen die Verachtung der gesellschaftlichen Hauptströmung, von der sie bewusst und teils freiwillig abweichen.

[iii] Liuhe 六合 – „sechs Verbindungen“: Verbindung zwischen Hand und Fuß, Ellbogen und Knie, Schulter und Hüftgelenk; zwischen Herz/Geist Xin und der Bewusstheit/Intention/Vorstellung Yi, zwischen Yi und der Atem-/Lebensenergie Qi sowie zwischen Qi und der körperlichen Kraft Li. Die ersteren drei Verbindungen heißen „die drei Äußeren Verbindungen“, die letzteren drei heißen „die drei Inneren Verbindungen“. Dies stellt die Grundlage für die Namensgebung des Xinyiliuhequan – „Faust der Vorstellung des Herzens und der sechs Verbindungen“ dar, als dessen Gründer Ji Longfeng (bzw. Ji Jike) gilt. Das Xinyiliuhequan wiederum ist der Vorläufer des Xingyiquan – „Faust der Form und der Vorstellung“, einer der drei großen inneren Kampfstile.
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500 Jahre Wushu – Militärische Kampfkünste der Ming-Zeit https://sinoblog.de/2015/12/05/500-jahre-wushu-militaerische-kampfkuenste-der-ming-zeit/ https://sinoblog.de/2015/12/05/500-jahre-wushu-militaerische-kampfkuenste-der-ming-zeit/#respond Sat, 05 Dec 2015 13:55:46 +0000 https://sinoblog.de/?p=137 Welchen Weg hat das chinesische Wushu von der Vergangenheit bis heute beschritten? Zu dieser Frage haben viele Forscher aus verschiedenen Blickwinkeln heraus Untersuchungen mit teilweise unterschiedlichen Ergebnissen angestellt. Bei dem vorliegenden Artikel handelt es sich um das Manuskript einer Rede von Tong Xudong, die er auf mehreren Veranstaltungen zum praktischen Austausch über Fragen der Kampfkunstkultur hielt. Er erzählt die Geschichte des Wushu aus einem originellen und individuellen Blickwinkel.

Von Tong Xudong
Aus Magazin für Chinesische Kampfkunst Heft 9 (2/2008 – ursprünglich in dieser und zwei folgenden Ausgaben erschienen), chinesisches Original erschienen in der chinesischen Kampfkunstzeitschrift Wuhun.

Teil 1

Das Hauptanliegen dieses Textes ist es, die Entwicklungstendenzen des Wushu sowie dessen repräsentative Persönlichkeiten der letzten 500 Jahre zur Diskussion zu stellen. Durch das Studium der Geschichte des Wushu in den letzten 500 Jahren können wir die Zwangsläufigkeit und die Gesetzmäßigkeiten dieser Entwicklung entdecken. Dies hilft uns, den tieferen Gehalt des chinesischen Wushu aus einem historischen Blickwinkel heraus vollständig zu verstehen. Dies mag als Orientierung dabei helfen, in der Gegenwart die Entwicklung des Wushu richtig zu fördern.

Warum die letzten 500 Jahre?

Warum sollte man mit der Darstellung der Entwicklung erst ab der Zeit vor 500 Jahren beginnen? Der Grund liegt darin, dass in der Geschichte des chinesischen Wushu in der Zeit zwischen dem Ende der Südlichen Song-Dynastie (1127-1279) und der mittleren Periode der Ming-Dynastie (1368-1644) eine zweihundertjährige Phase auftrat, die einen Bruch in der Entwicklung des Wushu darstellt.

Diese Bruchphase teilt sich wiederum in zwei Abschnitte auf: Der erste Abschnitt ist die fast 100 Jahre andauernde Mongolenherrschaft der Yuan-Dynastie (1271-1368). In dieser Zeit war dem Volk das Üben der Kampfkünste verboten. Dadurch wurde der Überlieferung und Weiterentwicklung von Kampftechniken weitgehend ein Riegel vorgeschoben. Der zweite Abschnitt ist die Zeit kurz nach der Gründung der Ming-Dynastie. Zwar wurde das Verbot der Kampfkünste aufgehoben, aber in den Provinzprüfungen des militärischen Staatsexamens (als Qualifikation für eine Offizierslaufbahn) wurde Reiten und Bogenschießen aufgenommen. Dies führte zu einer starken Orientierung des Kampfkunsttrainings vorwiegend am Reiten und Bogenschießen. Die Folge davon war, dass Säbel-, Speer-, Schwert- und Langstocktechniken sowie waffenlose Kampftechniken kaum noch weitergeführt wurden.

Diese Bruchphase mit ihren zwei Abschnitten sorgte also dafür, dass eine Vielzahl von Kampftechniken aus der Tang-Zeit (618-907) und der Song-Zeit (960-1279), insbesondere Säbel-, Speer-, Schwert- und Langstocktechniken sowie waffenlose Kampftechniken, in diesen 200 Jahren in großem Umfang verschwanden und deren Überlieferung abbrach.

Das oben geschilderte Phänomen dauerte bis zur mittleren Periode der Ming-Dynastie, das heißt bis etwa vor 450 bis 500 Jahren. Für eine Änderung dieser Situation sorgten dann die militärischen Notwendigkeiten im Zusammenhang mit dem Kampf in jener Zeit gegen die japanischen Piraten, die die südchinesischen Küstenregionen heimsuchten. Folglich wurde das Erstarken der Kampfkünste im militärischen Bereich zum Ausgangspunkt für das Wiedererstehen der chinesischen Kampfkünste insgesamt. Zwar veränderte sich danach die Entwicklungsrichtung des chinesischen Wushu unter dem Einfluss verschiedenster Faktoren ständig, dennoch ist die Entwicklungslinie im Großen und Ganzen klar erkennbar und kontinuierlich. Es tauchten dann keine längerfristigen Brüche mehr auf. Daher stammen auch die meisten relativ systematischen und heute noch vorhandenen Abhandlungen aus dem Bereich des chinesischen Wushu aus dieser Zeit. Noch ältere gibt es zwar auch – doch ziemlich verstreut. Eben weil das chinesische Wushu vor ungefähr 450 bis 500 Jahren nach einer langen Phase, in der es zu einem Bruch gekommen und es still darum geworden war, eine Renaissance erlebte, wollen wir die Darstellung mit dieser Periode beginnen.

Wiedererstarken der militärischen Kampfkünste

Wie oben erwähnt war es der Krieg gegen die japanischen Piraten, der für den Aufstieg der militärischen Kampfkünste sorgte. An dieser Stelle ist es zunächst einmal notwendig, zu erklären, was die militärischen Kampfkünste eigentlich sind. Militärische Kampfkünste sind Kampfkünste für den Einsatz auf dem Schlachtfeld, gekennzeichnet durch den Kampf in Formationen und in strukturierten Einheiten. Die Betonung liegt dabei auf der Koordination der Soldaten untereinander und der sinnvollen Zusammenarbeit der Waffen. Zum Beispiel organisierte General Qi Jiguang Soldaten mit Feuerwaffen, Bögen, langen Speeren, Schildern und kurzen Säbeln zu jeweils einer Kampfgruppe, die über die Fähigkeit zum Distanz- und zum Nahkampf verfügte und bei der sich die Waffen gegenseitig unterstützten und ergänzten.

Daher lassen sich militärische Kampfkünste mit ihrem Zusammenspiel innerhalb von Formationen mit einem Chor oder einem Orchester vergleichen. Betont werden die Schlachtformation und die strukturierten Einheiten. Auf individuelle Fähigkeiten wird dagegen kein besonderer Wert gelegt.

Wie führte dann der Kampf gegen die japanischen Piraten zum Aufstieg der militärischen Kampfkünste?

Damals legte die Ming-Armee ursprünglich den Schwerpunkt auf den Einsatz von Pfeil und Bogen sowie Feuerwaffen. Ihre Fähigkeiten im Nahkampf waren äußerst begrenzt. Häufig konnten weniger als zwanzig japanische Piraten (die für ihre Furchtlosigkeit im Nahkampf bekannt waren) eine Truppe von an die 1000 Soldaten der Ming-Armee in die Flucht schlagen. Infolgedessen führte die Notwendigkeit, die Fähigkeiten der Truppen im Nahkampf zu verbessern, zum Erstarken der militärischen Kampfkünste. Dabei gab es zwei Persönlichkeiten, die als Repräsentanten für diese Entwicklung gelten dürfen: Yu Dayou (1503-1580) und Qi Jiguang (1528-1587).

Die Gemeinsamkeit von Yu Dayou und Qi Jiguang bestand darin, dass sie beide angesichts der Notwendigkeiten im Krieg gegen die japanischen Piraten die militärischen Kampfkünste ganz gezielt mit bestimmten Inhalten bereicherten. Sie stärkten insbesondere die Funktion der Hieb- und Stichwaffen. Mit dem Begriff „Hieb- und Stichwaffen“ sind Waffen gemeint wie Säbel, Speer, Schwert, Langstock, Schilde aus geflochtenem Rattan oder der „Wolfsrechen“ (Speer aus Bambus, an dessen Endstück zur Spitze hin die Verästelungen des Bambusstocks belassen sind).

Als Nächstes kann man hinsichtlich der Merkmale der taktischen Anwendung dieser Hieb- und Stichwaffen sagen, dass für Yu Dayou und Qi Jiguang das Ziel ihres Einsatzes allein im Sieg auf dem Schlachtfeld bestand. Ihr taktischer Grundsatz bestand darin, mit eigener Überzahl einen in Unterzahl befindlichen Gegner anzugreifen. Das heißt, dass mehrere Ming-Soldaten einen einzelnen japanischen Piraten bekämpften.

Yu Dayou – Meister der Kampfkunst

Allerdings gab es auch Unterschiede darin, wie beide diese Hieb- und Stichwaffen einsetzten. Im Vergleich war es Yu Dayou, dessen Meisterschaft in den Kampfkünsten noch höher war. Insbesondere war er bei seinen Forschungen und Entdeckungen einen Schritt voraus, wenn es um die Gesetzmäßigkeiten der Bewegung im Kampf ging.

Unter dem Gesichtspunkt der Kampfpraxis verband er die Technik des Bogenschießens seiner eigenen Zeit mit der des Altertums und schrieb das Buch Shefa – „Methoden des Bogenschießens“. Außerdem verband er die Einsichten seines Lehrers Li Liangqin sowie von Lin Yan, Tong Yanfu und anderen mit seinen eigenen Erfahrungen in dem Buch Jianjing – „Kanon des Schwertes“. Tatsächlich wurde das Buch mit Blick auf die Anwendung der Langstocktechnik verfasst. Jedoch weisen die darin aufgeführten Prinzipien eine allgemeine Bedeutung auf. Beispiele hierfür sind:

  • „Sich dem Bewegungsablauf des Gegners anpassen und die Kraft des Gegners borgen.“
  • „Man wartet, bis die alte Kraft des Gegners gerade vorbei und die neue Kraft noch nicht freigesetzt ist, da nutzt man dies schleunigst aus.“
  • „Mittig und gerade (hält man die Waffe) im Verhältnis von acht Teilen Härte und zwölf Teilen Geschmeidigkeit. Nach oben schaben, nach unten rollen; nach links und rechts teilen. Man schlägt hoch und tief tödlich zu; nach links und rechts nimmt man (den gegnerischen Angriff) auf. Die Hände bewegen sich, die Füße gehen vor; gemeinsam kommen sie an.“
  • „(Meine) Härte befindet sich vor seiner Kraft, (meine) Geschmeidigkeit nutzt den Punkt hinter seiner Kraft aus. Der andere ist in Eile, während ich in Ruhe warte; weiß ich um den Rhythmus, magst du dich ruhig abkämpfen.“

Bei diesen und anderen Sätzen handelt es sich um technische Grundprinzipien, die allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Bewegung im Kampf darstellen.

Qi Jiguang – Praktiker des Schlachtfelds

Für Qi Jiguang war es charakteristisch, dass er noch stärker den praktischen Nutzeffekt der Kampfkünste auf dem Schlachtfeld betonte. Speziell im Hinblick auf die Besonderheiten des von den japanischen Piraten benutzten Schwertes (nämlich des Katana der Samurai) erfand er vielerlei Waffen sowie eine Kampfmethode, bei der von mehreren Männern geführte kurze und lange Waffen aufeinander abgestimmt eingesetzt wurden. Dies erwies sich als außergewöhnlich effektiv.

Zwar war Qi Jiguang der Ansicht, dass waffenlose Techniken nicht für den Einsatz auf dem Schlachtfeld bestimmt waren. Daher setzte er waffenloses Training auch nur als Grundlage für die Waffenanwendungen ein. Aber der von ihm verfasste Text Quanjing Jie Yao – „Das Wichtige für den Sieg des Faustkampfkanons“ (das 14. Kapitel seines Werks Ji Xiao Xin Shu – „Neues Buch über militärische Prinzipien und ihrer Wirkung“) hatte einen weit reichenden Einfluss auf die Kampfkunstlehre nachfolgender Generationen. Die hauptsächliche Leistung dieses Textes besteht in folgenden vier Punkten:

  • Zur Technik äußerte er folgenden Gedanken: „Man übt gleichzeitig den Faustkampf der verschiedenen Schulen.“ Dies sollte dazu dienen, dass „man oben und unten umfassend (vorbereitet für den Kampf) ist und es keine Situation gibt, in der man nicht den Sieg erringt.“
  • Er legte die Ziele der Übungen wie folgt fest: „Beim Lernen des Faustkampfs müssen der Körpereinsatz lebendig und ungezwungen, die Handtechniken beweglich und geschwind sowie die Fußarbeit leicht und solide sein; Vor- und Zurückgehen erfolgen in der richtigen Weise.“
  • Er stellte heraus, dass für die praktische Anwendung des Faustkampfs Fähigkeiten wie „Raffinesse“, „Entschlossenheit“, „Schnelligkeit“ und „Geschmeidigkeit“ und das „Wissen, wie man diagonal ausweicht“ notwendig sind.
  • Er verband die Faustkampfmethoden mehrerer nord- und südchinesischer Schulen miteinander und stellte daraus 32 Techniken der waffenlosen Kampfkunst zusammen. Damit sollten die oben erwähnten technischen Fertigkeiten, nämlich „Raffinesse“, „Entschlossenheit“, „Schnelligkeit“ und „Geschmeidigkeit“ und das „Wissen, wie man diagonal ausweicht“, erfahrbar gemacht und erarbeitet werden.

Diese vier Punkte sollte auf vielerlei Ebenen die spätere Entwicklung der Kampfkunstlehre beeinflussen. Sie stellten für eine Reihe von späteren Kampfkünstlern eine Inspiration dar, sodass neue Ideen in der Kampfkunstlehre und neue Kampfsysteme entstanden und sich entwickelten.

Man kann behaupten, dass der „Kanon des Schwertes“ einen Meilenstein in der Entwicklungsgeschichte der Kampfkunstlehre in China darstellt. Bei einer Analyse der Evolution der Kampftechnik muss man dazu aber festhalten, dass sich der erreichte Stand der Kenntnis und Forschung zu Lebzeiten von Yu Dayou noch in einem Anfangsstadium befand. So werden im „Kanon des Schwertes“ die für die Umsetzung der oben zitierten Prinzipien notwendigen Grundlagen an technischen Fähigkeiten noch nicht behandelt. Noch weniger ist die Rede davon, wie man mithilfe bestimmter Übungen das Niveau der eigenen technischen Fähigkeiten grundsätzlich steigern kann. Außerdem bewegt sich der Text in Bezug auf den Grad der Könnerschaft immer noch auf der Ebene bewusst gesteuerten Handelns. Die Ebene, auf der es „keine Form und keine Intention gibt, man es spürt und sich sofort die Verbindung ergibt“, findet dort noch keine Erwähnung.

Aber auch bei Qi Jiguang stellte die Kampftechnik an sich nicht den Schwerpunkt seiner Forschungen und den Fokus seiner Aufmerksamkeit dar. In dem Text „Das Wichtige für den Sieg des Faustkampfkanons“ wird keineswegs näher darauf eingegangen, wie man systematisch die grundlegenden technischen Fähigkeiten einer Kampfmethode verbessert. Ebenso wenig ist im Detail davon die Rede, welche fundamentalen Gesetzmäßigkeiten es insgesamt in Bezug auf die Übung und die Anwendung einer Kampfmethode gibt. Die Erkenntnis in diesem Text bewegt sich im Wesentlichen immer noch auf der Ebene von technischen Methoden. Eine Diskussionsebene, in der man sich mit Gesetzmäßigkeiten der Entstehung und Funktion der wesentlichen Kraft in der Kampfkunst – Jin –beschäftigt, wird noch nicht erreicht.

Schlussfolgerungen

Daraus lassen sich folgende Schlüsse ziehen: Einerseits erwiesen sich in der Periode von Qi Jiguang und Yu Dayou die Notwendigkeiten des Krieges als ein Antrieb für das Wiedererstehen und die Entwicklung der chinesischen Kampfkünste. Das Erstarken der militärischen Kampfkünste wurde zum Ausgangspunkt dieser Entwicklung. Andererseits war es so, dass das Ziel bei der Entwicklung der Kampftechnik in jener Periode in erste Linie darin bestand, den Sieg im Krieg davonzutragen, aber nicht darin, die Kampftechnik an sich auf ein höheres Niveau zu führen. Damit im Zusammenhang stand die Anforderung, dass diese Art von militärischen Kampfkünsten schnell erlernbar war. Die Trainingszeit war auch dementsprechend kurz. Dies hatte unvermeidlich zur Folge, dass die Techniken von relativ grober Natur waren.

Das technische Niveau der militärischen Kampfkünste zu Zeiten von Yu Dayou und Qi Jiguang war durch die Erfüllung der taktischen Ziele auf dem Schlachtfeld vorgegeben. Daher befand sich die Kampftechnik an sich vom Grad ihrer Entwicklung her gesehen immer noch in einem Anfangsstadium.

Neben Yu Dayou und Qi Jiguang gelten Tang Shunzhi (1507-1560), der zur gleichen Zeit lebte, und Cheng Chongdou (1561-?, der eigentlich Cheng Zongyou hieß), der etwas später lebte, ebenfalls als Repräsentanten jener Periode, in der die militärischen Kampfkünste eine Renaissance erlebten. Werke wie Wubian – „Zusammenstellung über militärische Angelegenheiten“ von Tang Shunzhi, Gengyu Sheng Ji – „Techniken für die übrige Zeit nach der Bestellung des Bodens“ sowie der bereits erwähnte „Kanon des Schwertes“ und „Das Wichtige für den Sieg des Faustkampfkanons“ repräsentieren gemeinsam das Niveau in der Erforschung der Kampfkünste während jener Epoche.

Der Schwerpunkt der Forschung dieser Repräsentanten waren technische Methoden und die entsprechenden technischen Prinzipien. Sie entdeckten bestimmte Prinzipien der Taktik und Gesetzmäßigkeiten der Kampftechnik von allgemeiner Bedeutung. Jedoch untersuchten sich noch nicht tiefer gehend die Grundlagen technischer Fähigkeiten oder die Gesetzmäßigkeiten der Entstehung und Funktion der wesentlichen Kraft. Auch bewegt sich ihre Erkenntnis der technischen Fähigkeiten auf der Stufe bewusst gesteuerten Handelns. Sie waren noch nicht in den Bereich vorgedrungen, in dem es „kein Tun gibt und doch nichts ungetan bleibt“.

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