Konzepte & Technik – Sinoblog 中德博客 https://sinoblog.de Der Blog zu Chinas Kultur des Kampfes - Konzepte | Erfahrungen | Traditionen Sun, 04 Dec 2016 11:04:04 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Yang-Taijiquan nach Wang Yongquan – Äußere Gestalt und innere Fertigkeiten https://sinoblog.de/2016/12/03/yang-taijiquan-nach-wang-yongquan-aeussere-gestalt-und-innere-fertigkeiten/ https://sinoblog.de/2016/12/03/yang-taijiquan-nach-wang-yongquan-aeussere-gestalt-und-innere-fertigkeiten/#respond Sat, 03 Dec 2016 14:13:34 +0000 https://sinoblog.de/?p=384 Vorbemerkung des Übersetzers: Im zweiten Teil der Auszüge aus Yangshi Tajiquan shuzhen – „Wahre Darstellung des Yang-Taijiquan“ stellt Wang Yongquan die inneren Mechanismen und Strukturen seiner Linie des Yang-Stils dar. Hierin besteht einen wesentliches Merkmal seiner Lehre. Allerdings ist bei den folgenden Ausführungen ein Hinweis notwendig: In diesem zweiten von drei Kapiteln des Buches, das auf Wangs mündlichen Darstellungen beruht, hat Wangs Schüler Wei Shuren seine eigene Interpretation in Form seiner Fotos und eigener Formulierungen eingebracht.

Vieles an den Interpretationen von Wei Shuren ist in seiner konkreten Darstellung unter den Schülern von Wang strittig. Aber nicht das Prinzip der Anwendung von Yi in Form von vorgestellte Bildern in Kombination mit imaginierten dynamischen Zuständen. Der Text zeigt sehr gut die sehr speziellen Ideen von Punkten, Linien, Kreisen, Kugeln oder auch einer Glocke, die ein charakteristisches Merkmal bei den Übungen der Form der „Alten Sechs Bahnen“ darstellen. Im Folgenden der übersetzte Auszug.

Aus 杨式太极拳述真 – „Wahre Darstellung des Yang-Stil- Taijiquan“ – von Wei Shuren und Qi Yi kompiliert nach Unterrichtsanweisungen von Wang Yongquan, Volkssportverlag, Beijing, 1. Aufl. Sept. 1990 – Übersetzung Stefan Gätzner.

Innere Fertigkeiten und Methodik der wesentlichen Kraft

Wang Yongquan (r.) und sein Sohn Wang Zhongming

Diese Faustkampfform wird gewohnheitsmäßig als „Alte Sechs Bahnen“ bezeichnet. Ich habe sie in meiner Jugend von der Yang-Familie[1] gelernt. Alle Bewegungen und Abläufe haben ihre eigene tiefere Bedeutung. Das Zusammenspiel von Körperhaltung [sowie Arm-] und Handbewegungen mit den inneren Faktoren Geist – Shen –, bildhafte Vorstellung – Yi – und Energie – Qi – ist sorgfältig aufeinander abgestimmt. Die Übungscharakteristik unterscheidet sich tatsächlich von anderen Kampfstilen. Sie weist herausragende Wirkungen insbesondere bei der Akkumulation und Stärkung des Yuanqi – der „ursprünglichen Lebensenergie“[2] sowie bei der körperlichen Ertüchtigung und Krankheitsprävention auf. Aus diesem Grund betone ich beim Training die Anwendung einer Methodik der wesentlichen Kraft im Kontext innerer Fertigkeiten [im Folgenden kurz: Methodik der inneren Kraft]. Denn dies ist der springende Punkt, in dem sich das Taijiquan von den äußeren Kampfstilen unterscheidet. Dies ist von entscheidender Bedeutung – egal, ob es um die Gesundheitspflege oder die Kampfanwendung geht. Durch das Training dieser Faustkampfform kann man den Anfänger dazu bringen, dass er die Verbindung von Geist, Vorstellung und Energie im Taijiquan im Groben begreift und so für einen schnellen Fortschritt die Grundlage legt.

Kommt man zum ersten Mal mit der Methodik der inneren Kraft in Berührung, so ist dies für die meisten Menschen zunächst recht schwierig zu begreifen. Aber nach unermüdlichem Studium und Training kann man sie Schritt für Schritt verstehen und meistern. Wenn man anfängt die Form zu lernen, sollte man in etwa um die Inhalte der Formfiguren und die Methodik der inneren Kraft sowie ihre Unterschiede wissen. Das ist unabdingbar, um später systematisch den Yang-Stil des Taijiquan zu meistern.

Erläuterungen zur Methodik der inneren Kraft

Wenn man die Yang-Taijiquan-Form übt, kommt es beim Wechsel der Formfiguren neben den Veränderungen in den Positionen der Extremitäten und des Rumpfs auch darauf an, dass die Methodik der inneren Kraft, die das Innenleben der Figuren erfüllt, sich ebenfalls entsprechend anpasst. Nur dann entspricht man dem Faustkampfprinzip im Yang-Stil des Taijiquan, das eine Übereinstimmung von Innen und Außen erfordert, und schafft es, den ganzen Körper in Einklang zu bringen.

Die konkreten Inhalte, aus denen sich die Methodik der inneren Kraft zusammensetzt, sehen wie folgt aus:

Neiqi – innere Energie: Dies ist ein wichtiges Element, aus dem die innere Kraft besteht. Es handelt sich dabei um eine Qualität der Lebensenergie Qi, die durch das Üben der Faustkampfform über eine lange Zeit hinweg unter Ansteuerung durch die Vorstellung Yi entsteht. Sie verteilt sich im ganzen Körper und gehorcht auf das Kommando der bildhaften Vorstellung. Die innere Energie hat nichts mit dem Qi im Sinne von Atem zu tun. Der Wechsel von Konzentrierung und Auflösung im Körperinneren, Rotationen, Steigen und Sinken und andere Veränderungen entstehen durch die Wallung der inneren Energie in ihren unterschiedlichen Ausprägungen.

Neijin – innere Kraft: Sie ist ein Produkt der Synthese aus Geist Shen, Vorstellung Yi und Lebensenergie Qi, das durch das Training der inneren Fertigkeiten im Taijiquan entsteht. Sie kann mit dem Öffnen und Schließen der physischen Bewegungen im Inneren des Körpers wie ein großer Strom fließen. Außerdem ist sie eine flexible und wandelbare Kraft, die je nach Bedarf im Push Hands und den Kampfübungen aus dem Körper heraus gesendet werden kann und sich zudem direkt auf den Körper des Gegners auswirkt.

Bild 1

Bild 1

Bild 2

Bild 2

Quelle der Kraft: Diese befindet sich in der Mitte der Verbindungslinie zwischen den unteren Ecken der Schulterblätter. Sie ist die Stelle, die die Verteilung der inneren Kraft kontrolliert (siehe Bild 1 – vorgeführt von Wei Shuren, auch auf den folgenden Bildern – zum Vergrößern anklicken).

Lotlinie im Körper: Dabei handelt es sich um eine vorgestellte Linie, die genau in der Mitte des Körpers nach unten hängt. In der Anwendung kann sich diese nach Belieben ausdehnen und zusammenziehen. Sie kann nach oben bis auf Brusthöhe eingezogen werden, nach unten kann sie bis zu den Fußsohlen verlängert werden. Außerdem kann sie sich je nach Bedarf der Bewegung nach vorne und hinten, links und rechts bewegen (siehe Bild 2).

Bild 3

Bild 3

Bild 4

Bild 4

Drei Qi-Kreise: Die innere Energie Neiqi dehnt sich mit der senkrechten Linie im Körper nach unten aus, um sich dann allmählich im Kreis um die Schultern, Taille und Hüftgelenke herum zu verteilen und Qi-Kreise mit einem Durchmesser von ungefähr einen Meter zu bilden. Schulter- und Hüftgelenkskreis haben in etwa die gleiche Größe, der Taillenkreis ist etwas kleiner (siehe Bild 3)

„Der Körper gleicht einer alten Glocke“: Wenn man den Körper mit einer alten [Tempel-] Glocke vergleicht, dann befindet sich die obere Aufhängung dort, wo der Hals ist, und die Oberseite der Glocke, dort wo der Schulterkreis ist. Vier Fünftel der Glockenlänge unterhalb der Oberseite befindet sich der Taillenkreis und die Öffnung der Glocke ist dort, wo der Hüftgelenkskreis ist. Die senkrechte Zentrallinie im Körper entspricht dem Glockenseil. Der Klöppel hängt dann am unteren Ende der senkrechten Zentrallinie. Der Klöppel schwingt unablässig im Inneren an der Glockenöffnung nach vorne und hinten, links und rechts hin und her (siehe Bild 4)

Bild 5

Bild 5

Bild 6

Bild 6

„Die drei Pforten“: Dies bezieht sich auf Weilü Guan – die „Pforte des Steißbeins“, Jiaji Guan- die „Pforte der eingesäumten Wirbel“ und Yüzhen Guan – die „Pforte des Jadekissens“, die sich alle auf der Rückseite des Körpers befinden. Weilü Guan befindet sich am untersten Ende der Wirbelsäule. Oben schließt es ans Kreuzbein an, das untere Ende hängt frei; es befindet sich hinter und über dem Anus. Jiaji Guan befindet sich am Rücken, nämlich genau in der Mitte der Verbindungslinie zwischen den Ellbogenspitzen im Liegen. Yüzhen Guan befindet sich genau an der Stelle, an der der Kopf beim Hinlegen auf dem Kopfkissen aufliegt. Die innere Energie Neiqi steigt von unten nach oben entlang der drei Pforten auf, und zwar hoch und gleichzeitig nach vorne; wenn dabei der Oberkörper sanft nach vorne gebeugt wird, spricht man vom „Langmachen der drei Pforten“ – chang san guan (siehe Bild 5).

Wenn die innere Energie von oben nach unten entlang den drei Pforten bis zum Steißbein sinkt und dabei der Oberkörper sanft aufgerichtet wird, spricht man vom „Aufrichten der drei Pforten“ – shu san guan (siehe Bild 6).

Im Folgenden werden bei den Erklärungen zu der Bewegungsrichtung der Vorstellung Yi und der Energie Qi noch oft die Begriffe „Langmachen der drei Pforten“ und „Aufrichten der drei Pforten“ auftauchen. Es handelt sich um das „Langmachen der drei Pforten“, wenn die innere Energie sich entlang der drei Pforten für einen Augenblick nach vorne verlagert, um sich sofort danach aufzulösen. Es handelt sich um das „Aufrichten der drei Pforten“, wenn die innere Energie entlang der drei Pforten für einen Augenblick nach unten sinkt, um sich sofort danach aufzulösen. Das „Aufrichten der drei Pforten“ geschieht in den meisten Fällen auf Basis eines seitlichen „Langmachens der drei Pforten“.

Bild 7

Bild 7

Bild 8

Bild 8

Der Schwerpunkt zwischen den Füßen: Wenn man die Form läuft, sollte in der Vorstellung bei der Ausführung der Bewegungen im Zustand geöffneter Füße ein relativ stabiler Aufsetzpunkt [der Schwerpunktlinie am Boden] vorhanden sein. Wenn man die Entfernung auf der Verbindungslinie zwischen beiden Füßen in vier Abschnitte mit insgesamt fünf Punkten aufteilt, dann sind diese fünf Punkte die Stellen, auf welche die bildhafte Vorstellung bei ihrer Ausdehnung nach unten konzentriert wird. Die Positionen der fünf Punkte sind im Einzelnen:
Der vordere Fuß entspricht dem ersten Punkt, der hinter dem fünften. Der Mittelpunkt zwischen beiden Füßen ist der dritte Punkt. In der Mitte zwischen dem ersten und dem dritten Punkt liegt der zweite und in der Mitte zwischen dem dritten und dem fünften liegt der vierte Punkt.
Nachdem die bildhafte Vorstellung ihren Aufsetzpunkt am Boden gefunden hat, kann dies mit der Bewegung des Körpers eng koordiniert werden. Damit wird am ganzen Körper ein angenehmes Gefühl und vollkommene Beweglichkeit gewährleistet. Beim „Bogenschritt“ – gongbu setzt man in der Vorstellung am zweiten Punkt auf. Dadurch kann man dafür Sorge tragen, dass das vordere Bein nicht unbeweglich wird (siehe Bild 7). Beim „leeren Schritt“ – xubu setzt man in der Vorstellung am vierten Punkt auf. Dadurch kann man bewirken, dass das hintere Bein nicht ins Stocken gerät (siehe Bild 8). Wenn man genau mittig steht, setzt die man in der Vorstellung am dritten Punkt auf. So wird vermieden, dass sich der Körper an irgendeinem Punkt, innen oder außen, zu einer Seite neigt. Entspannung und Natürlichkeit sind damit gewährleistet.

Der Ausdruck in den Augen: Im Taijiquan stellt der Ausdruck in den Augen [wörtlich: der Geist der Augen] in Verbindung mit der Konzentration der Vorstellung Yi und der Energie Qi sowie in Koordination mit der Körperhaltung einen Weg dar, auf dem sich durch die Veränderung der Stelle, auf die der Blick trifft, Geist und Wucht des Inneren manifestieren.
Der Ausdruck in den Augen muss sich in der Praxis koordiniert mit jedem Öffnen und Schließen der Bewegungen des Körpers und der Ausrichtung der Vorstellung Yi und der Energie Qi ausdehnen und zurückziehen. Auf diese Weise kommt es zu einer Übereinstimmung des ganzen Körpers – innen und außen, oben und unten – und Geist Shen, Vorstellung Yi und Energie Qi schließen sich zusammen. Was man hierzu erklären muss, ist, dass das Zurückziehen und Ausdehnen des Ausdrucks in den Augen nichts mit einem Aufreißen oder Zusammenziehen der Augen an sich zu tun hat. Sondern es handelt sich um den Wechsel in den Aktionen der Vorstellung Yi und Energie Qi in ihrer Ausdehnung nach vorne und ihrem Zurückziehen, der sich in dem Verlauf eines Blickes manifestiert. Wenn sich der Ausdruck in den Augen nach vorne ausdehnt, gilt es, die innere Energie Neiqi ohne Anspannung von den äußeren Augenwinkeln aus auszustrahlen. Beim Zurückziehen zieht man schrittweise die Energie der Augen aus dem weiten Blickfeld zur Mitte hin zusammen, um sie dann von der Mitte der Augen zum unteren Teil der Augen einzuziehen. Wenn man regelmäßig dieses spezielle „Öffnen“ und „Schließen“ des Blickes durchführt, kann man die Versorgung der Augen mit Nährstoffen unterstützen. Dies ist von großem Vorteil, um die Sehkraft zu verbessern, aber auch damit der Blick an Ausdruckskraft gewinnt.

Zum Beitrag „Gesundheits- und Kampfform“


[1] Auffällig ist hier, dass Wang Yongquan bzw. seine Ghostwriter nicht näher bestimmen, von wem genau aus der Yang-Familie Wang diese Form gelernt hat. Sein Hauptlehrer war Yang Chengfu, er hat aber zunächst von Yang Jianhou bis zu dessen Tod 1917gelernt. Die Form „Alte Sechs Bahnen“ unterscheidet sich in jedem Fall stark von allen späteren Varianten der 85er Yang Chengfu Form.

[2] Yuanqi 元气 – die grundlegende Lebensenergie, die sich im Mutterleib entwickelt und deren Ausprägung und Stärke die Konstitution des Einzelnen für das ganze Leben wesentlich bestimmt.

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掤 Peng – Ursprünge eines zentralen Begriffs im Taijiquan https://sinoblog.de/2016/01/03/%e6%8e%a4-peng-urspruenge-eines-zentralen-begriffs-im-taijiquan/ https://sinoblog.de/2016/01/03/%e6%8e%a4-peng-urspruenge-eines-zentralen-begriffs-im-taijiquan/#comments Sun, 03 Jan 2016 12:34:44 +0000 https://sinoblog.de/?p=235 Peng – die Mutter aller Taiji-Kräfte. Keine Beschreibung des Taijiquan kommt ohne diesen Begriff aus. Es steht an erster Stelle unter den acht Grundkräften. Auch sprachlich ist Peng etwas Besonderes: Während die anderen Ausformungen der inneren Kraft im Taijiquan mit in der chinesischen Alltagssprache gängigen Wörtern bzw. Zeichen beschrieben werden, ist das für Peng verwendete Schriftzeichen 掤 sehr selten und hat normalerweise einen  anderen Laut. Peng wird nur in einigen wenigen Kampfkunsttraditionen als ein Fachbegriff verwendet. Sein Ursprung liegt in Speerkampfmethoden der späten Ming-Zeit.

Von Stefan Gätzner

In einem der zentralen Texte des Yang-Taijiquan[1], wird Pengjin, die essenzielle Kraft Peng, wie folgt erklärt:

„Wie ist die Bedeutung von Pengjin zu erklären? Es gleicht dem Wasser, das das Boot bei seiner Fahrt trägt. Erst füllt man das Qi des [unteren] Dantian an, als Nächstes ist es dringlich, dass der Scheitelpunkt wie aufgehängt ist. Am ganzen Körper herrscht Federkraft. In einem Moment des Stillstands geschehen Öffnen und Schließen – selbst wenn du tausend Pfund an Kraft hast, ist es auch nicht schwierig, dich nach oben treiben zu lassen.“

In diesem kurzen Absatz werden die wesentlichen Qualitäten von Peng auf den Punkt gebracht: eine in alle Richtungen sich ausbreitende federnde Kraft. Gleichzeitig wirkt Peng wie der Auftrieb des Wassers – die Folge ist eine Entwurzelung des Gegners. Qualitäten, die mit der gängigen englischen Übersetzung „Ward off“ nur unzureichend widergegeben werden. Als Annäherung verwende ich hier gerne den Begriff „schwellende Kraft“. Aber über dieses Formulierung kann man sich natürlich genauso trefflich streiten. Tatsächlich lässt sich aber eine exakte Entsprechung nicht finden, daher ist es oft besser Peng oder Pengjin als einen Terminus technicus stehen zu lassen.

[1] Aus Bafa Mijue 八法秘诀, „Geheime Formel der acht Methoden“, von Tan Mengxian 谭梦贤, einem Schüler von Yang Shaohou. Die Formel erläutert ganz knapp die acht Kräfte (peng, lü, ji, an, cai, lie, zhou, kao) und ist Bestandteil der „Erklärungen zu den Prinzipien des Push Hands“, 推手法之原理说明. Über Tan Mengxian ist leider nichts Näheres bekannt.

Lexikalische Bedeutungen

Denn auch wenn man ein gewöhnliches chinesisches Wörterbuch aufschlägt – oder eine Online-Version konsultiert, wird man nicht viel schlauer. Dort findet das Zeichen 掤 mit der Aussprache bing. Die Bedeutung: Deckel eines Pfeilköchers. Aufgrund dieser doch sehr speziellen Bedeutung findet das Zeichen entsprechend nur sehr selten Verwendung, auch in anderen Kampfkünsten – egal ob innere oder äußere Stile – ist es nicht gängig. Im Taijiquan indes nimmt der Begriff eine zentrale Stellung ein – an erster Stelle als eine grundlegende strukturelle Qualität aller Bewegungen. Um die Verwirrung perfekt zu machen, bezeichnet Peng auch noch konkrete Einzeltechniken, die je nach Taiji-Stil und Überlieferung wiederum unterschiedlich ausgeführt sein können.

Doch wie erklärt sich die nach oben treibende, federnde und entwurzelnde Kraft aus dem Zeichen 掤 peng? Eine geläufige Interpretation in Taiji-Kreisen ergibt sich aus der lautlichen Verwandtschaft von peng 掤 im zweiten Ton mit dem Zeichen peng 捧 im dritten Ton (z.B. hier aus dem Chen-Stil heraus erklärt). Letzteres hat die Bedeutung „mit beiden Händen halten/tragen“(mit den Handflächen nach oben). Damit wird eine nach oben gerichtete – „entwurzelnde“ – Bewegung zum Ausdruck gebracht. Die Aspekte der Federkraft und der Ausdehnung in alle Richtungen, die für das Taijiquan essenziell sind, bleiben hierbei außen vor. Dennoch: Diese Beschreibung kommt der ursprünglichen Verwendung des Begriffs Peng 掤sehr nahe, so wie in einigen älteren Textquellen der chinesischen Kampfkünste noch zu finden ist.

Chang Naizhou und seine Faustkampftechnik

Im Taijiquan taucht das Zeichen Peng 掤 zusammen mit den anderen Arten der „acht Methoden“ erstmals in den klassisch Text von Wang Zongyue im Text Taijiquan Shiming, „Erläuterung des Namens Taijiquan“ auf. Die Lebensdaten und selbst die Historizität von Wang Zongyue sind jedoch umstritten. Doch in einer anderen Kampfkunst, die ins 18. Jahrhundert zurückreicht, wird der Begriff verwendet. Chang Naizhou (1724-1783) schrieb über seinen Kampfstil das Chang Naizhou Wuji Lun – „Abhandlung über die Kampftechnik von Chang Naizhou“. Trotz der geographischen Nähe von Sishui, der Heimat Changs, zu Chenjiagou, dem Ursprungsort des Taijiquan, zeigt sich in der technischen Ausführung seiner Kampfkunst keine Verwandtschaft zum Chen-Stil. Dennoch: In seinem Text werden Elemente der inneren Alchemie systematisch mit Bewegungsabläufen seiner Kampfkunst in Verbindung gebracht. Unter diesem Aspekt bestehen durchaus Parallelen zwischen Changs Stil und den als klassisch angeshenen inneren Kampfkünsten Chinas Taijiquan, Baguazhang und Xingyiqquan.

Allerdings ist auch bei Chang Naizhou Vorsicht angebracht: Die heutige Fassung des Textes stammt aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Es ist unklar, ob alle Inhalte wirklich auf Chang zurückgehen. Die darin beschriebene „Form in 24 Figuren“ – der technische Kern von Changs Kampfkunst – gilt jedoch als authentisch. Die Form wird in drei sehr unterschiedlichen Ausführungen beschrieben: die hohe, mittlere und tiefe Form in 24 Figuren. Bei der mittleren Variante heißt es bei der Technik Shi ru chang hong juan jia – „Bewegungsablauf, gleich einem langen Regenbogen der bis in die Ferne eine Abwehr aufreiht“:

Chang Naizhou_1-Shi ru chang hong juan jia
„Hierbei handelt es sich um folgende Handtechnik: In einem Atemzug drückt man nach oben [peng], während man gleichzeitig [den Gegner] rammt [zhuang]. Unten drückt man gegen den Schulteransatz des Gegners, oben schlägt man auf das linke Auge [des Gegners].“

(Zur vergrößerten Ansicht jeweils auf das Bild klicken)

 

Diese Technik weist in der beschriebenen Ausführung und Anwendung Ähnlichkeit zum zweiten Teil von Pie shen chui, den „um den Körper geschleuderten Faustschlag“, wie sie in den alten Varianten des Yang-Stils noch vorhanden ist. Die Verwandtschaft erscheint angesichts der großen technischen Unterschiede zum Taijiquan aber eher zufällig.

Bei einer zweiten Technik in der gleichen Form verwendet Chang Naizhou ebenfalls den Begriff peng. Bei Yecha tan hai qiao shou wang, „Beim Erkunden des Meeres hebt der Yaksha den Kopf und späht“, heißt es:

Chang Naizhou_2-Yecha tan hai qiao shou wang
„Dies ist eine Handtechnik bei der man mit dem Körper nach vorne drängt und den Arm nach oben drückt [peng]. Folgend auf die vorangegangene Position lässt man sich nach vorne fallen. Man dreht den Körper kurz ein und richtet sich auf. Die linke Hand drückt [peng] horizontal nach oben bis über die Stirn. Die rechte Hand schwebt frei vor dem rechten Hüftgelenk. Man beugt sich in den Gegner hinein und drück ihn nach oben [peng].“

 

Bei beiden Techniken beschreibt der Begriff Peng eine nach oben und außen bzw. vorne gerichtete Bewegung. Die Qualitäten der Federkraft oder des Auftriebs eines Körpers im Wasser aus dem Taijiquan findet hier keine Erwähnung. Abgesehen von der genannten technischen Parallele der ersten oben beschriebenen Technik zum Yang-Stil, deutet dies wiederum auf eine einfachere und somit ursprünglichere Bedeutung des Begriffs hin. Hier findet die Vermischung von mehreren Qualitäten und den verschiedenen Ebenen von grundlegender Bewegungsorganisation und einzelner Technik wie im Taijiquan noch nicht statt. Es wird damit schlicht eine Bewegung beschrieben.

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Yang-Taijiquan nach Wang Yongquan – Gesundheits- und Kampfform https://sinoblog.de/2015/12/06/yang-taijiquan-nach-wang-yongquan-gesundheits-und-kampfform/ https://sinoblog.de/2015/12/06/yang-taijiquan-nach-wang-yongquan-gesundheits-und-kampfform/#comments Sun, 06 Dec 2015 11:50:41 +0000 https://sinoblog.de/?p=141 Die Wirkungen des Taijiquan können sich unter den zwei Gesichtspunkten entfalten: der Gesundheitspflege und der Kampfanwendung. Wenn man es für die Gesundheitspflege lernt, gilt es, die „Übungen der Selbsterkenntnis“ – zhijizhigong (d.h. Soloübungen) – bis zur Beherrschung zu trainieren. Dabei strebt man nach einer satten und frei fließenden inneren Energie – Neiqi. Nur auf diesem Weg kann man Krankheiten fernhalten und sein Lebensjahre verlängern. Wenn man es für die Kampfanwendung lernt, muss man auf der Grundlage der „Übungen der Selbsterkenntnis“ zusätzlich die „Übungen zur Erkenntnis des Gegners“ – zhibizhigong – zu trainieren: die Abwehr eines Gegners zum Selbstschutz.

Aus 杨式太极拳述真 – „Wahre Darstellung des Yang-Stil- Taijiquan“ – von Wei Shuren und Qi Yi kompiliert nach Unterrichtsanweisungen von Wang Yongquan[1], Volkssportverlag, Beijing, 1. Aufl. Sept. 1990.

Unter den heutigen Praktizierenden des Taijiquan, hat die absolute Mehrheit die Gesundheitspflege zum Ziel. Auch wenn manche die Absicht verfolgen mögen, ihre kämpferischen Fertigkeiten zu verbessern, so müssen auch sie zunächst über eine gesunde Konstitution und ausreichende innere Energie verfügen. Daher muss das Studium mit dem Rahmen (d.h. der Variante der Form) für die Gesundheitspflege beginnen. Es ist völlig unumgänglich, das Qi zu trainieren. Sonst kann man nichts bei der Gesundheitspflege erreichen und es wird einem auch nicht wirklich möglich sein, kämpferische Fähigkeiten zu erlangen.

Zhaoshu – Kampftechnik und Kunstfertigkeit

Wang Yongquan (r.) und sein Sohn Wang Zhongming beim Push Hands. Aufnahme aus den siebziger Jahren.

Wang Yongquan (r.) und sein Sohn Wang Zhongming beim Push Hands. Aufnahme aus den siebziger Jahren.

Geschichtlich betrachtet war es so, dass die Vorfahren des Yang-Stil-Taijiquan in der ersten Zeit nach ihrer Ankunft in Beijing neben dem Training der Bannertruppen in der Hauptsache den Nachwuchs des Adels in den Prinzenresidenzen in der Kampfkunst unterrichteten. Diese verhätschelten und verwöhnten Leute konnten nicht hart trainieren. Deswegen wurde ihnen nur der Rahmen zur Gesundheitspflege des Yang-Stil-Taijiquan, der aus dem Chen-Stil des Taijiquan entwickelt worden war, beigebracht. Das, was heutzutage weltweit verbreitet und allgemein geübt wird, ist genau diese Gesundheitsform. Wenn man lediglich diese Form übt, kann man nicht kämpfen. Es ist notwendig, sie durch Techniken des Roushou – Push – Hands zu ergänzen. Die Kampfform des Yang-Stil-Taijiquan wurde nur an den eigenen Nachwuchs und einen Teil der eingeweihten Schüler weitergegeben. Die Vorfahren fassten im Kampf bewährte Techniken zu einer Form zusammen. Diese Kampfform lässt sich für die Kampfanwendung einsetzen, aber als Grundlage und Rückhalt muss man dazu über Neigong – „innere Fertigkeiten“ verfügen. Der Begriff zhao – „Technik“ – oder auch „technischer Ablauf“ bezieht sich dabei auf die äußere Bewegung. Wenn man sich allein auf Technik im Kampf verlässt, kann man über Leute von schwächlicher Konstitution und wenig Geschick den Sieg davontragen. Gegenüber körperlich starken Leuten von großem Geschick wird dies nicht gelingen. Der Begriff shu – „Kunstfertigkeit“[2] – bezieht sich auf das Neigong – die „inneren Fertigkeiten. Gemeint ist damit die Verbindung des eigenen Shen – „Geistes“ –, Yi – „Vorstellung“ – und Qi – „Energie“. In der Kampfanwendung gilt es, mit dem eigenen Geist, der eigenen Vorstellung und Energie den Geist, die Vorstellung und Energie des Gegners zu kontrollieren. In der Technik – zhao – muss Kunstfertigkeit – shu – enthalten sein und bei der Kunstfertigkeit muss Technik vorhanden sein. Nur durch die Verbindung von Kunstfertigkeit und Technik – zhaoshu – kann die Wucht des Yang-Stil-Taijiquan zur Geltung gebracht werden und der Gegner geschickt und raffiniert besiegt werden. Demzufolge darf man weder beim Formentraining noch bei der Kampfanwendung nur auf die äußere Form und nicht auf die inneren Fertigkeiten, nur auf die Technik und nicht auf die Kunstfertigkeit achten. Die konkreten Einsatzmöglichkeiten im Zusammenhang mit der Kampfanwendung werden in nachfolgenden Kapiteln und Abschnitten weiter erläutert. An dieser Stelle sollen hauptsächlich die Wirkungen des Yang-Stil-Taijiquan auf die Gesundheitspflege in einfacher Weise vorgestellt werden.

Gesundheitsform als Fundament

Das Üben der Gesundheitsform bildet das Fundament. Beim Üben der Form gilt es auf die Kultivierung der inneren Fertigkeiten – Neigong – zu achten und die innere Energie – Neiqi – heranzubilden. In der Anfangsphase des Formentrainings sollte man darauf Wert legen, dass Geist – Shen –, Vorstellung – Yi – und Energie – Qi – sich nicht nach außen zerstreuen sondern innen zurückgehalten werden. Bei diesem inneren Zurückhalten handelt es sich nicht um ein krampfhaftes Konzentrieren, sondern es gilt, auf natürliche Weise und im entsprechenden Maße die innere Energie – Neiqi – im Körper zirkulieren zu lassen. Nur wenn die innere Energie sich nicht außerhalb des Körpers zerstreut, herrschen günstige Bedingungen für ihre stille Kultivierung. Die Bewegungen und Positionen des Rumpfes und der Extremitäten gehören zum Bereich der äußeren Gestalt. Beruhend auf den Bewegungen der äußeren Gestalt entfaltet sich die innere Energie. Dadurch wird sie ununterbrochen akkumuliert und genährt. Und nur, wenn die äußere Gestalt sich auf den Rückhalt stützt, der durch die innere Energie zur Verfügung gestellt wird, kann man ununterbrochene Bewegungen ausführen, die durch Kriterien song – „Entspannung“ –, wen – „Stabilität“ –, man – „Langsamkeit“ – und yun – „Gleichmäßigkeit“ – gekennzeichnet sind. Wenn der Geist, die Vorstellung und die Energie auf die Bewegungen und die Positionen gerichtet sind, manifestiert sich darin die Anwendung der Kunstfertigkeit – shu. Dann kann die plumpe Kraft allmählich ersetzt werden. Außerdem hat dies wieder Rückwirkungen auf die Kultivierung von Geist, Vorstellung und Energie. Nur, wenn die innere Energie und die äußere Gestalt aufeinander abgestimmt werden, können positive Effekte bei der Gesundheitspflege erzielt werden. Erst auf dieser Grundlage besteht die Möglichkeit, die kämpferischen Fertigkeiten des Yang-Stil-Taijiquan zu erlernen.

„Sich am ganzen Körper behaglich zu fühlen, ist der Urvater aller Methoden.“ Dieser Satz macht deutlich, dass das wichtigste Merkmal und die zentrale Anforderung in Bezug auf die Gesundheitsform Behaglichkeit, ein Gefühl der Zufriedenheit sowie Ungezwungenheit sind. Beim Üben sollte man auf folgende Punkte achten:

Der Körper muss auf natürliche Weise aufrecht sein, er darf sich weder zu einer Seite neigen noch schief sein.

Ausdrücke wie zhong zheng an shu – „mittig und aufrecht, ruhig und gedehnt“ –, xu ling ding jin – „leer und leicht den Scheitel nach oben drücken“ –, chen jian zhui zhou – „die Schultern senken und die Ellbogen hängen lassen“ – oder han xiong ba bei – „die Brust einziehen und den Rücken lang ziehen“ – machen diese Anforderung deutlich. Die oben erwähnten Anforderungen kai xiong – „die Brust öffnen“ – und zhang zhou – „die Ellbogen auseinander ziehen“ – sind unabdingbare Voraussetzungen für die Gesundheitsform. Wenn die Brust nicht geöffnet ist, die Ellbogen nicht auseinander gezogen sind, Hals und Kopf nicht gerade ausgerichtet sind, dann ist es nicht möglich, dass die Vorstellung Yi sich ungezwungen ausdehnt, die Energie Qi sich entspannt, frei zirkuliert und der Geist sich sammelt. Aber, die Brust zu öffnen, heißt nicht, sie herauszustrecken, die Ellbogen auseinander zu ziehen, bedeutet nicht, sie auseinander zu drücken, und den Scheitel (bzw. Kopf und Hals) aufrecht zu halten, meint nicht, den Nacken herauszudrücken. Der Übende muss darauf besonders achten. Die aufrechte Ausrichtung des Körpers muss unbedingt auf natürliche Weise erfolgen, sodass Kopf, Hals, Brust, Rücken, Schultern und Ellbogen sich alle angenehm entspannt anfühlen.

Der ganze Körper ist entspannt.

Jedes Gelenk und sämtliche Muskeln müssen entspannt sein, sodass am ganzen Körper überhaupt kein Gefühl der Steifheit vorhanden ist. Sobald der Körper entspannt ist, soll der Unterbauch (das Dantian) stets locker und ein wenig nach außen gewölbt sein. Auf keinen Fall darf hier Anspannung vorhanden sein und Kraft eingesetzt werden. Qi chen Dantian – „das Qi sinkt ins Dantian“ – bedeutet nicht, das Qi ins Dantian zu drücken. Man muss mit Hilfe der Vorstellung dafür Sorge tragen, dass es auf natürliche Weise entspannt ist. Das ganze Körpergewicht darf nicht auf den Knien, den Unterschenkeln und Fußgelenken lasten, sondern die Entspannung muss bis zu den Fußsohlen reichen.

Inneres und Äußeres sind miteinander verbunden.

Beim Laufen der Form müssen innere Energie und äußere Gestalt aufeinander abgestimmt sein. Es gilt, „mit der Vorstellung Yi die Energie Qi zu leiten und mit der Energie den Körper zu bewegen“. Während des Übens achtet man auf den natürlichen Lauf der Bewegung. Man muss dafür sorgen, dass am ganzen Körper stets ein angenehmes, frei durchgehendes und sattes Gefühl herrscht. Es darf nicht so sein, dass zuerst die äußere Bewegung durchgeführt wird, um die Zufuhr innerer Energie zu erzwingen. Der Einsatz von plumper Muskelkraft führt unvermeidlich zur Verspannung des ganzen Körpers und wirkt sich nachteilig auf die Gesundheitspflege aus. Beim Üben der Form muss erst der ganze Körper entspannt sein, um dann die innere Energie vom Rücken über die Schultern, Ellbogen, Handgelenke bis zu den Händen zu schicken. Danach nimmt man die innere Energie zurück, um sie wieder im Körper zu bewegen. Auf diese Weise geht es hin und her wie die Wellen des Changjiang-Flusses (Yangtsekiang), wo die nachfolgende Welle die vorhergehende anschiebt und eine Welle auf die nächste folgt. Wenn man die Endposition eines Bewegungsablaufs erreicht, soll der ganze Körper entspannt, weich, rund und beweglich sein – ohne Gezwungenheit, ohne Übertreibung, der Maßgabe entsprechend, wobei man aber noch Reserven hat.

Beim Öffnen und Schließen herrscht das richtige Maß.

Zwischen jedem Öffnen und Schließen gilt es, das rechte Maß zu finden, insbesondere darf der öffnende Teil des Bewegungsablaufs nicht übertrieben werden. Wenn man übermäßig die Position öffnet, nur um sie dann noch weiter zu öffnen, so führt dies zu einem Durcheinander bei der durch die Vorstellung geleiteten Energie – Yiqi. Sobald sich Bewegungsablauf und innere Energie voneinander lösen, wird die innere Energie über kurz oder lang in schädlicher Weise verschwendet. Nach dem Öffnen muss rechtzeitig ein Schließen erfolgen, sodass die durch die Vorstellung geleitete Energie sich wieder regeneriert. Sorgt man dafür, dass die innere Energie in einem angenehmen und ausgewogenen Zustand bleibt, so ist dies förderlich für die Gesundheitspflege. Folglich ist darauf zu achten, dass man bei Bewegungen mit einem relativ hohen Schwierigkeitsgrad keine übertriebenen Anforderungen an sich stellt. Um Verletzungen zu vermeiden, sollte man sich nicht zwingen, wenn man merkt, dass die innere Energie nicht ausreicht. Man muss das Gefühl dafür finden, mit dem passenden Maß an innerer Energie dem entsprechenden Bewegungsablauf Unterstützung zu geben, um zu sicher zu stellen, dass die innere Energie nicht zerstreut wird, sondern voll und lebendig ist, und dass man im entsprechenden Maß frei in seinen Bewegungsabläufen ist. Dadurch erreicht man, dass jede Bewegung rhythmisch im Wechsel von Öffnen und Schließen abläuft. In der Anfangsphase des Übens kann man sich vorstellen, wie man vom Körperinneren aus die drei Qi-Kreise, den Schulter, Taillen- und den Hüftgelenkskreis, ausbreitet, um auf diese Weise die inneren Fertigkeiten – Neigong – zu trainieren. Mit der fortlaufenden Verfeinerung der eigenen Fertigkeiten werden die (zunächst nur in der Vorstellung vorhandenen) Qi-Kreise allmählich entstehen und immer stärker werden. Darüber hinaus werden sich daraus durchweg positive Auswirkungen auf die Gesundheit ergeben.

Anforderungen der Kampfform

Bei der Kampfform gibt es die Anforderung, dass die innere Kraft – Neijin – durch die Hände nach außen tritt. Dies bezeichnet man als Gongfu chu shou – „Das Gongfu tritt aus den Händen aus“. Die Absicht besteht darin, einen angenommenen Gegner zu beeinflussen. Neben den oben erwähnten grundlegenden Anforderungen ist es auch noch notwendig, für jeden Bewegungsablauf zu erlernen, wie man die innere Kraft – Neijin – freisetzt. Zum Beispiel: Die Handbewegungen gehen vom Zentrum (d. h. der Zentrallinie) aus nach vorne. Zudem soll dabei die innere Kraft durch die Hände hindurch 30 cm bis ein Meter nach außen treten. Danach soll man noch in der Lage sein, die durch die Vorstellung geleitete Energie auf demselben Weg zurückzuziehen, um beweglich und flexibel den Bewegungsablauf zu wechseln. Jeder Bewegungsablauf kann in vier Schritte unterteilt werden: Ausgangspunkt, Verlauf, Endpunkt, Wechsel.

Abschnitte eines Bewegungsablaufs

Am Ausgangspunkt muss sich die Entspannung durch den ganzen Körper ziehen; runde und lebendige innere Energie wirkt auf Körperhaltung und die Haltung von Armen und Händen ein, sodass die Bewegung ungezwungen erfolgen kann. Während des Verlaufs behält man die runde und lebendige innere Energie bei, sodass die Bewegung, stabil, gleichmäßig und langsam abläuft. Dabei darf man weder ins Stocken geraten noch irgendwelche Kunstpausen einlegen. Wenn man den Endpunkt erreicht, sollen Geist, Vorstellung und Energie sich sammeln, während die innere Kraft aus den Händen austritt und auf einen konzentrierten Punkt hin abgegeben wird. Der Endpunkt stellt keineswegs einen Extrempunkt dar. Man muss Reserven zurückhalten, sodass man noch vor und zurück kann. Man geht nur so weit, wie man sich wohl dabei fühlt. Nur wenn man innere Kraft für den Wandel des Bewegungsablaufs gespeichert hat, kann man sie flexibel bei allen möglichen Techniken einsetzen. Beim Wechsel muss eine Verbindung zu der Position am Endpunkt hergestellt werden; mithilfe der runden und lebendigen Qi-Kreise zieht man den Geist, die Vorstellung und Energie, die man freigesetzt hat, wieder zurück, um dann in den nachfolgenden Bewegungsablauf zu wechseln.

Die drei Qi-Kreise

Die innere Kraft wird durch diesen Transformationsprozess ihre Wirkung entfalten und die entsprechende Stärke beim Auflösen (der gegnerischen Kraft) – hua – und Freisetzen (der eigenen Kraft) – fa – entwickeln. „Sie (d. h. die innere Kraft) wird von der Mitte aus freigesetzt, außen geformt und erreicht alles in der Umgebung“, diese Leitlinie (aus den klassischen Abhandlungen) stellt den entscheidenden Punkt dar, um die Qi-Kreise heranzubilden. Dabei sind wiederum die drei Qi-Kreise, nämlich der Schulter-, der Taillen- und der Hüftgelenkskreis, von höchster Bedeutung für die Kampfanwendung. Jianquan – der „Schulterkreis“ – stellt in der Hauptsache den flexiblen Wechsel im Bereich der Schultern, Ellbogen, Handgelenke und Hände sicher. Yaoquan – der „Taillenkreis“ – erlaubt an erster Stelle ein ungehindertes Drehen der Taille und ermöglicht das Freisetzen der Kraft an allen Stellen des Körpers. Kuaquan – der „Hüftgelenkskreis“ – sorgt im Wesentlichen für die Stabilität der unteren Körperhälfte und für die Beweglichkeit bei den Schritten vor und zurück, wobei der Wechsel von unbelastet zu belastet bei den einzelnen Schritten mit der Bewegung der oberen Gliedmaßen abgestimmt wird und auf diese Weise das Freisetzen der Kraft unterstützt wird.

Fazit

Im Taijiquan sollte man gemäß Alter, körperlicher Konstitution und charakterlicher Veranlagung sowie den äußeren Voraussetzungen die eigenen Ziele definieren und entsprechend den Trainingsfortschritt planen. Älteren Menschen und Leuten mittleren Alters geht es hauptsächlich um die Kräftigung des Körpers und die Heilung von Krankheiten, also darum, ein möglichst langes Leben zu genießen. Einige junge Menschen und auch Leute mittleren Alters interessieren sich dagegen für die Kampfanwendung. Aufgrund der unterschiedlichen individuellen Voraussetzungen und Wünsche sollte auch bei den Unterrichts- und Trainingsmethoden vergleichsweise differenziert vorgegangen werden. Dabei gilt es, den Lernenden zu einer aufrechten Haltung zu führen, während er Schritt für Schritt an seinen Übungen arbeitet. Beim Unterricht ist es notwendig, die Besonderheiten verschiedener Schüler zu erkennen, um sie gezielt zu unterweisen. Zum Beispiel: Eine Besonderheit von älteren Menschen ist unter anderem, dass sie über eine hohe Verständnisfähigkeit verfügen, während ihr Erinnerungsvermögen schlecht und ihre körperliche Kraft relativ schwach ist, sodass Fortschritte sich nur langsam einstellen. Man muss auf diese Besonderheiten achten, um ihre Stärken zur Entfaltung zu bringen und die Schwächen zu überwinden. Nur wenn man in seinen Bemühungen nicht nachlässt, wird man recht gute Ergebnisse erzielen können. Die Besonderheit von jungen Menschen und Minderjährigen liegt in ihrem Reichtum an körperlicher Kraft und geistiger Energie, ihr Gedächtnis ist gut, und sie machen dementsprechend recht rasche Fortschritte. Aber häufig neigen sie zu übertriebenen Ehrgeiz und wollen immer siegreich bleiben; es mangelt ihnen an Geduld und sie sind relativ wankelmütig. Als Erstes muss man daher dafür Sorge tragen, dass der Anfänger begreift, wie wichtig es ist, sich an die Tugend eines Kämpfers – Wude zu halten. Man muss darauf achten, Hitzköpfigkeit und Arroganz zu überwinden und sich streng vor Streitlust hüten. Umgesetzt auf das Training der Kampfkunst bedeutet dies, dass man nach und nach die im Laufe des Lebens erworbene plumpe Muskelkraft hinter sich lässt und ununterbrochen die innere Kraft mehrt. Nur wenn man die Form als Grundlage übt, kann man danach die Methoden der Kampfanwendung vermitteln, um schließlich die Fertigkeit des Überwindens der Härte durch Geschmeidigkeit im Taijiquan, so wie es in dem Spruch „Mit vier Unzen 1000 Pfund in Bewegung versetzen“, ausgedrückt wird, zu erlernen.

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[1] Wang Yongquan 汪永泉 (1904-1987) war ein Vertreter des Yang-Stils des Taijiquan und für seine herausragenden Fähigkeiten im Push Hands bekannt. Sein Vater war Major Domus für das Anwesen eines mandschurischen Adeligen, der von Yang-Familie Taijiquan lernte. Mit sieben Jahren begann auch Wang Yongquan in der Yang-Familie zu lernen. Zunächst vor allem von Yang Jianhou und auch von dessen Sohn Yang Chengfu, der Wang nach dem Tode von Yang Jianhou (1917) auch formell als Schüler annahm. Daneben diente er oft Yang Shaohou, dem älteren Bruder von Yang Chengfu, auch als „Zielscheibe“ beim Push Hands, so dass er dessen außergewöhnliche Kampfkraft am eigenen Leib erfahren konnte. In seinen späten Jahren unterrichtete Wang Yongquan eine frühe Variante der Yang-Form genannt Lao Liu Lu  – „Alte Sechs Bahnen“ –, die anscheinend auf Yang Jianhou zurückgeht und sich deutlich durch ihre Komplexität und Anwendungsorientierung von der späteren standardisierten 85er Form von Yang Chengfu unterscheidet.

[2] Zhaoshu 招术 ist zusammen ein feststehender Begriff aus zwei Zeichen und wird für gewöhnlich und mit „Technik“, „Bewegungsablauf“ übersetzt. Zhao bezieht sich auf eine Bewegung (in erster Linie mit Armen und Händen) und shu auf das Geschick bzw. die Kunstfertigkeit, die der Bewegung zugrunde liegt.

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