Erfahrungen & Biografien – Sinoblog 中德博客 https://sinoblog.de Der Blog zu Chinas Kultur des Kampfes - Konzepte | Erfahrungen | Traditionen Mon, 02 Jan 2017 19:29:42 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Wie man seinen Übungsplatz etabliert – Teil 3/3 https://sinoblog.de/2017/01/02/wie-man-seinen-uebungsplatz-etabliert-teil-33/ https://sinoblog.de/2017/01/02/wie-man-seinen-uebungsplatz-etabliert-teil-33/#respond Mon, 02 Jan 2017 19:26:14 +0000 https://sinoblog.de/?p=422 Außer dass der Ort für einen vorteilhaft ist, muss man noch darauf achten, dass es sich um einen passenden Gegner für eine Herausforderung handelt. Hierbei um eine gegenseitige Aktivierung. Man mag über große kämpferische Fertigkeiten verfügen, doch bei einer bestimmten Person kann man sie überhaupt nicht zur Entfaltung bringen. Unter normalen Umständen wäre derjenige überhaupt kein Gegner für einen. Doch sobald man vor ihm steht, ist man selbst nicht mehr in seinem normalen Zustand.

Aus Dacheng ruo que大成若缺 – „Großes Können gleicht einem Makel“ (Aufzeichnungen aus der Kampfkunstpraxis in den achtziger Jahren) von Xu Haofeng nach den Schilderungen von Wang Jianzhong, Autorenverlag (Peking), 2011

Wang Jianzhong beim Anwendungstraining (Zum Vergrößern anklicken)

Wenn man sich Aufzeichnungen von früheren Kämpfen eines Mike Tyson ansieht, so erkennt man, dass er manchmal große Probleme mit Leuten hatte, die ihm bei weitem nicht das Wasser reichen konnten. Dabei handelt es sich um das Problem, dass beide Gegner nicht zu einander passen.

Erfreuliche Begegnung

Bei meinen Besuchen bei Übungsplätzen anderer Lehrer kam es einmal zu einem Vergleich, den ich als sehr erfreulich empfand. Das war, als ich auf einen alten Man traf, der Taijiquan übte. Wenn Vertreter des Taijiquan auf solche des Dachengquan treffen, verhalten sie sich im Allgemeinen ausweichend. Denn sie haben das Gefühl, dass die Methoden des Push Hands sich in beiden Stilen stark unterscheiden. Man kann sich nicht richtig darin vergleichen und sagen, wer gewonnen und wer verloren hat. Er wich nicht aus, im Gegenteil, er wollte von sich aus mit mir pushen. „Du schaffst es nicht, mich wegzuschleudern“, sagte er.

Sobald ich Kontakt mit seinen Armen aufnahm, hatte ich das Gefühl, dass er über eine raffinierte Form der Kraft verfügte. Er konnte meine Kraft auflösen. Aber durch geschicktes Manövrieren hätte ich ihn dennoch wegschleudern können. Jedoch wollte ich sein Gesicht wahren. Ich schleuderte ihn nicht weg, sondern deutete dies nur an. Nachdem er meine Kraft gefühlt hatte, sagte er zu den Leuten neben ihm: „Ihr habt nichts auf dem Kasten. Dieser Herr da hat‘s drauf.“

Wir zeigten Bewunderung füreinander und empfanden beide die Begegnung als erfreulich.

Unterschiede im Push Hands

Tatsächlich gibt es Unterschiede im Push Hands zwischen dem Dachengquan und dem Taijiquan. Ein Beispiel: Im  Push Hands, dass auf Cui Youcheng zurückgeht, gibt es ein Bewegung, bei der man quer über den Hals wie bei einem Schnitt durch die Kehle streicht. Dabei steht man seitlich zum Gegner. Das gibt es bei Push Hands im Taijiquan nicht.

Beim Push Hands arbeite ich daran, wie man jemanden unter Kontrolle bringt. Es heißt für gewöhnlich, es sei leicht jemanden mit Schlägen zu treffen, jemanden kontrolliert wegzuschnellen hingegen schwierig. Es sei leicht jemand wegzuschnellen, aber schwierig, ihn unter Kontrolle zu bringen. Gelingt es einem, dem anderen einen Schock zu versetzen, dann kann man ihn kontrollieren. Daher meine Schlussfolgerung: Beim Push Hands geht es darum, dem anderen „einen Schock zu versetzen“.

Einmal besuchte mich einer an meinem Übungsplatz und wollte wissen, wie es ist, wenn man mit mir pusht. Ich habe ihn nicht weggeschnellt, sondern auch nur eine Andeutung gemacht. Ich fragte ihn, was er empfände. „Meine Zähne haben glatt aufeinander geschlagen“, sagte er. Das ist mit „einen Schock versetzen“ gemeint. Es geht dabei nicht um einen verborgenen Wink, der psychologisch wirksam ist, sondern um eine Reizung, die physiologisch zur Geltung kommt. Folglich kann man es nicht unterdrücken. Man erhält unvermeidlich einen Schock.

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Wie man seinen Übungsplatz etabliert – Teil 2/3 https://sinoblog.de/2016/11/19/wie-man-seinen-uebungsplatz-etabliert-teil-23/ https://sinoblog.de/2016/11/19/wie-man-seinen-uebungsplatz-etabliert-teil-23/#respond Sat, 19 Nov 2016 14:53:08 +0000 https://sinoblog.de/?p=351 Nach der alten Regel, musste man sich als Meister ab einem bestimmten Punkt aus der Öffentlichkeit zurückziehen, um seinen Ruf zu erhalten. Es heißt: „Ein Leben lang klug und weise, einen Augenblick aber unbedacht.“ Der Rückzug aus der Öffentlichkeit dient dazu, eben diesen „einen Augenblick“ zu vermeiden. In der Welt der Kämpfer darf man nicht auf Lobhudeleien hören. Je höher man gelobt wird, desto härter wird man auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen. Als Meister sollte man sich seiner Würde besonders bewusst sein. Erst wenn man erfolgreich gute Schüler ausgebildet hat, kann man sich einiges herausnehmen. Man nimmt sie überall hin mit: Verlieren sie, so sammeln sie dadurch Erfahrungen, gewinnen sie, so steigert dies das Ansehen.

Aus Dacheng ruo que大成若缺 – „Großes Können gleicht einem Makel“ (Aufzeichnungen aus der Kampfkunstpraxis in den achtziger Jahren) von Xu Haofeng nach den Schilderungen von Wang Jianzhong, Autorenverlag (Peking), 2011
Wang Jianzhong beim Push Hands mit einem Schüler.

Wang Jianzhong beim Push Hands mit einem Schüler (Zum Vergrößern anklicken).

Bei allen Angelegenheiten gilt es, auf den richtigen Zeitpunkt, einen vorteilhaften Ort und die passenden Leute zu achten. Wenn man einen Übungsplatz eröffnet, muss man wissen, was für ein Ort für die eigene Kampfkunst am geeignetsten ist. Beim Dachengquan achtet man darauf, dass der Übungsplatz klein ist. Bei anderen Kampfkünsten wird oft Wert auf viel Platz gelegt.

Je kleiner desto besser

Im Dachengquan  ist das Fali – das explosive „Freisetzen der Kraft“ – ein wichtiger Bestandteil. Wenn nicht Mauern ringsum den Raum beschränken, hat der Gegner viel Bewegungsfreiheit und man tut sich schwer mit dem „Freisetzen der Kraft“. Wenn wenig Platz ist, wird der andere aufgrund des optischen Eindrucks Angst davor haben, gegen eine Mauer hinter ihm zu prallen. Instinktiv wird er sogar noch einem entgegenkommen. Dann lässt sich das „Freisetzen der Kraft“ gut ausführen. Daher heißt es im Dachengquan: „Je enger es ist, desto besser lässt sich der Gegner wegschleudern.“

Wenn also der Platz klein ist, kann man von einem passenden Ort sprechen. Um hinter das Geheimnis für den Erfolg bei Vergleichskämpen zu kommen, sollte man das Gefühl dafür zunächst aus der räumlichen Beziehung heraus entwickeln. Im Kontext eines Vergleichskampfes ist das Gefühl ganz wichtig. Dabei bildet sich in jedem Stil ein ganz eigenes Gefühl heraus.

Stilistische Unterschiede

Yu Yongnian[1] war ein Meister im Bereich der Lebenspflege. Er zeigte vor Leuten keine Kampfanwendung. Yao Zongxun[2] war ein Meister der Kampfanwendung, der persönlich eine Vielzahl von Kämpfen überstanden hat. Aber beide stammten aus der gleichen Schülergeneration und wurden von Wang Xiangzhai[3] unterrichtet. Beide vermittelten das gleiche Gefühl. Für sie war es daher leicht, mit einem anderen zu kämpfen, aber es wäre kaum möglich für sie gewesen, als Mitschüler gegeneinander anzutreten. Yao Zongxun verfügte über enorme Kampfkraft. Bei Vergleichen mit Vertretern anderer Stile flogen die Gegner bei der ersten Berührung mit ihm durch die Gegend. Der alte Herr Yu sagte indes: „Egal, was mein Gegner alles draufhat, solange er es nicht auf einen offenen Faustkampf ankommen lässt, wird er mich beim Tuishou – Push Hands – nicht wegschleudern können.“

Dass es Unterschiede zwischen den Stilen gibt, ist eine feine Sache. Auf diese Weise kann man gut gegeneinander kämpfen. Es kommt darauf an, wer seine speziellen Fähigkeiten am besten zur Geltung bringen kann. Je enger es zugeht, desto besser kann man im Dachengquan sein geistiges Kraftpotenzial entfalten.

Wenn man in einer engen Gasse Cui Youcheng entgegenkommen sah, hatte man das Gefühl, dass man seine Position nicht halten konnte. Das lag nicht unbedingt an einem eigenen Mangel an kämpferischen Fähigkeiten, sondern man konnte vom Bewusstsein her nicht mit ihm mithalten. Die Trainingsmethode des Dachengquan, bei der man sich im Geist immer größer macht, zeigte in solchen Situationen seine Wirkung.

Ein kleiner Hügel

Ich richtete einmal auf einem kleinen Hügel einen Übungsplatz ein. Die ebene Fläche auf dem Hügel war nur drei, vier Meter breit. Auf diese Weise richtete ich mir einen vorteilhaften Ort ein. Wenn jemand kam, um sich mit mir im Push Hands zu messen, würde er an so einem Platz umso eher zu Fall kommen, je mehr er sich davor fürchtete. Ich hingegen verfügte an so einem Ort über technische Möglichkeiten, die ich zur Entfaltung bringen konnte.

Ein anderes Mal wurde ich in eine Villa eingeladen, um dort zu unterrichten. Wir waren in einem kleinen Zimmer im ersten Stock. Als ich dort meine Explosivkraft einsetzte, spürte man, wie die Wände vibrierten. Das Zimmer und die Menschen darin fingen an, sich in einer wummernden Resonanz gegenseitig hochzuschaukeln. Ich konnte dabei meine Explosivkraft immer satter einsetzen.

Wenn ich dagegen in einer großen Halle meine Explosivkraft einsetze, kommt es an solch einem geräumigen Ort zu keiner Resonanz. Ich kann natürlich immer noch Kraft einsetzen, aber vom Gefühl her fehlt etwas. Wenn das Gefühl nicht hundertprozentig stimmt, dann kann man sich auch in einem Vergleichskampf nicht zu 100 Prozent entfalten.

Die Spezialität von Cui Youcheng

Leute, die Dachengquan üben, messen sich gerne zu Hause mit anderen. Sie räumen mal kurz Tische und Stühle zur Seite, machen Platz, um dann mit dem Gegner aufzuräumen. Boxer kämpfen gerne an Orten mit viel Platz. In Bezug auf den vorteilhaftesten Ort für einen Kampf, hat Cui Youcheng einen Durchbruch in der Entwicklung des Dachengquan erzielt. Ausgehend von der Präferenz eines engen Kampfplatzes im Dachengquan hat er Mittel und Wege gefunden, an einem geräumigen Ort zu kämpfen: Je mehr man vor ihm davonlief, desto mehr wurde man getroffen. Er hoffte sogar, dass man vor ihm abhaute. Er nutzte die Bewegung und das Momentum des zurückweichenden Gegners aus, um einen zu schlagen. Das Zurückweichen bedeutete für ihn, dass der Gegner genau zu seiner Art zu kämpfen passte.

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[1] Yu Yongnian 于永年: (1920-2013), schloss 1941 in Tokyo sein Studium der Zahnmedizin und lernte ab 1944 von Wang Xiangzhai das Yiquan. Er fokussierte sich auf die gesundheitlichen Wirkungen der Stehenden Säule – Zhanzhuang. Ab 1953 unterrichtete in Krankenhäusern in Peking die Stehende Säule zu medizinischen Zwecken und systematisierte dazu auch die Übung in Form der „24 Positionen der Stehenden Säule“.
www.yuyongnian.com

[2] Yao Zongxun 姚宗勋: (1917-1985) lernte ab 1937 von Wang Xiangzhai das Yiquan. Er bekam vom Wang Xiangzhai den Beinamen Jixiang, was so viel bedeutet wie „das Werk von Xiangzhai fortführen.“ In diesem Zusammenhang wird er als Erbe des von Wang Xiangzhai geschaffenen Stils bezeichnet. Berühmt wurde er durch mehrere Siege über japanische und chinesische Kampfkünstler.

[3] Wang Xiangzhai 王芗斋: (1885 oder 1886-1963): Gründer des Dachengquan/Yiquan. Ab 1894 lernte er von Guo Yunshen 郭云深 (1820-1901), Großmeister des Xingyiquan. Später maß er sich mit zahlreichen Meistern verschiedener Stile in ganz China und gründete auf der Basis des Xingyiquan und seiner Erfahrungen mit anderen Kampfkünsten seinen eigenen Stil, der unter den zwei Bezeichnungen Dachengquan und Yiquan bekannt wurde. Dieser stark an der Effektivität in der Kampfpraxis orientierte Stil hat verschiedene Variationen des Zhanzhuang (Stehen wie eine Säule) als Grundlage, verzichtet völlig auf Formen und nach Angaben seiner Vertreter auch auf feste Techniken.

 

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Wie man seinen Übungsplatz etabliert – Teil 1/3 https://sinoblog.de/2016/11/06/wie-man-seinen-uebungsplatz-etabliert-teil-1/ https://sinoblog.de/2016/11/06/wie-man-seinen-uebungsplatz-etabliert-teil-1/#respond Sun, 06 Nov 2016 16:25:24 +0000 https://sinoblog.de/?p=337 Es gibt bestimmte Regeln, wie man seinen eigenen Übungs- und Unterrichtsplatz etabliert. An erster Stelle steht dabei, wie man mit jemanden umgeht, der einen durch einen Herausforderungskampf vertreiben will: Ein Schüler nimmt sich der Sache an, der Meister darf sich nicht darauf einlassen. Der Vergleichskampf findet mit dem Schüler statt, nicht mit dem Meister.

Aus Dacheng ruo que大成若缺 – „Großes Können gleicht einem Makel“ (Aufzeichnungen aus der Kampfkunstpraxis in den achtziger Jahren) von Xu Haofeng[1] nach den Schilderungen von Wang Jianzhong[2], Autorenverlag (Peking), 2011
wie-man-seinen-uebungsplatz-etabliert-teil-1-cui-youcheng_final

Cui Youcheng erläutert in ausgelassener Runde das Dachengquan.

Im Fernsehen habe ich einmal eine Reportage gesehen. Es ging um eine chinesische Sanda-Mannschaft, die in Amerika an einem Wettkampf teilnahm. Der Meister eines amerikanischen Kampfsportclubs stieg auf das Kampfpodest. Der sah wirklich sehr gut aus. Und wurde wirklich ganz erbärmlich verdroschen. Seine Schülerinnen unten vor dem Podest weinten alle.

Man sollte wissen, dass es immer einen gibt, der noch besser ist. Als Meister muss man sich ein Hintertürchen offenlassen. Man muss konservativ vorgehen und langfristig planen – für 50 Jahre. Als Meister ist man in seiner Position nicht einfach ein Individuum, sondern man vertritt die gesamte Lehre der eigenen Kampfkunst. Wenn man in den Ring steigt und verliert, heißt das, dass man selbst nichts drauf hat oder das die eigene Kampfkunst nichts taugt?

Dieser amerikanische Meister war zu forsch. Ich schätze, dass es sehr schwierig für ihn wurde, den Kampfsportclub fortzuführen.

Herausforderungskämpfe im Dachengquan

Wenn sich Vertreter der alten Generation treffen, handelt es sich um einen Austausch von Erfahrungen. Wenn sich junge Leute auf einen Austausch einlassen, gehen sie stets aufs Ganze. Als ich jung war, prügelte ich mich an jeder Ecke. Aber als Mann mit einer entsprechenden Vergangenheit sollte man den Sinn des Sprichworts „Ein tapferer Mann spricht nicht über seine vergangenen Taten“ verstehen. In jedem Alter macht man die Dinge, die zu dem jeweiligen Alter passen und in jeder Position macht man die Dinge, die zu der jeweiligen Position passen. Das Leben eines Menschen teilt sich in mehrere Abschnitte. Die Jugend ist ein solcher Abschnitt. Es ist die Zeit, in der man ein aktiver Sportler sein kann. Man verfügt über reichlich Kraft und kann dies insbesondere in körperlichen Auseinandersetzungen einsetzen. Erreicht man das mittlere Alter, dann sollte man als Trainer tätig werden.

Die wilden Achtziger

In den achtziger Jahren war es zumeist so, dass Vertreter des Dachengquan Lehrer anderer Stile aus ihrer Schule oder von ihrem Übungsplatz durch einen Herausforderungskampf vertrieben. Es gab auch den umgekehrten Fall. So kam einmal ein Boxer, um uns zu vertreiben. Er behauptete von sich, er habe es in einem Vergleichskampf mit einer berühmten Persönlichkeit des Dachengquan zu einem Unentschieden gebracht. Er sprach zwar von einem Unentschieden, in der Tat aber hätte dies für jenen Vertreter des Dachengquan eine große Schmach bedeutet.

Er kam ganz aufgekratzt mit einem Motorrad angefahren und wollte zu Cui Youcheng[3]. „Du bist nicht in der Position, mit mir zu kämpfen. Warte bis einer meiner persönlichen Schüler kommt“, sagte Cui Youcheng. Der Schüler, der dann schließlich auftauchte, war ein ganz dünner Kerl. Auch er kam auf einem Motorrad. In dem Raum zogen sich beide Boxhandschuhe an. Sobald sie anfingen die Fäuste zu schwingen, regnete auf den Boxer einen Hagel von Schlägen ein. Der Boxer erlitt auf der Stelle Verletzungen. Sein Gesicht schwoll derart an, dass es ganz aufgequollen war.

Als er ging, war er nicht mehr in der Lage, mit dem Motorrad zu fahren. Das Motorrad ließ er beim Haus von Cui Youcheng einen Monat lang stehen. Nachdem der Boxer seine Verletzungen ausgeheilt hatte rief er an. Er sagte, er werde kommen, um das Motorrad abzuholen. „Hast Du einen persönlichen Eindruck gewonnen“, fragte Cui. „Ich habe einen Eindruck davon gewonnen, warum Ihnen ihr Ruf vorauseilt“, sagte der Boxer.

Zu Teil 2


[1] Xu Haofeng 徐皓峰 auch 徐浩峰 (geb. 1973): ist Regisseur, Drehbuchautor sowie Autor von Wuxia-Romanen und Berichten über Kampfkunstmeister. Mit den beiden Büchern Shiqu de Wulin 逝去的武林 – „Vergangene Welt der Kampfkunst“ und Dacheng ruo que大成若缺– „Großes Können gleicht einem Makel“   ist er der Vorreiter einer Literaturgattung in China, die sich speziell mit Augenzeugenberichten und dem Erleben von Kampfkünstlern beschäftigt.

[2] Wang Jianzhong 王建中(geb. 1955) aus Peking ist ein Vertreter des Baguazhang und des Dachengquan (eine alternative, aber auch umstrittene Bezeichnung für Yiquan). Er gilt als ein Praktiker des Kampfes innerhalb der inneren Kampfkünste. Er ist der Schwurbruder und Linienhalter des Dachengquan-Meisters Cui Youcheng。

[3] Cui Youcheng 崔有成 (1945-2008) war ein Vertreter der dritten Generation des Dachengquan bzw. Yiquan. Er lernte von Wang Binkui und war für seine praktischen Fähigkeiten im Kampf bekannt.

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So sollte sich ein Mann in der Welt behaupten – Teil 2 https://sinoblog.de/2015/12/20/li-zhongxuan-so-sollte-sich-ein-mann-in-der-welt-behaupten-teil-2/ https://sinoblog.de/2015/12/20/li-zhongxuan-so-sollte-sich-ein-mann-in-der-welt-behaupten-teil-2/#respond Sun, 20 Dec 2015 10:27:54 +0000 https://sinoblog.de/?p=206 Am Anfang sollte man beim Training des Piquan einen nach allen Seiten offenen Platz aussuchen. Das ist, als ob man auf einen hohen Berg steigt: Unwillkürlich wird man ganz lange ausatmen. An einem offenen Platz lässt man leichter der Atmung freien Lauf.

Aus 逝去的武林 – „Vergangene Welt der Kampfkunst“ – von Xu Haofeng[i] nach den mündlichen Erzählungen von Li Zhongxuan[ii], Nanhai-Verlag (Hainan), 2. Aufl. 2011
Li Zhongxuan demonstriert Piquan.

Li Zhongxuan demonstriert Piquan.

Der Bewegungsablauf des Piquan besteht aus einem Wechsel von Vorstrecken und Zurückziehen der Arme – wie der Wechsel von Aus- und Einatmen. Wenn man auf diese Weise eine Bahn von 400 oder 500 Metern übt, wird die Atmung immer gedehnter und immer tiefer. Man ist dann voller Energie.

Die Bewegungen im Bereich der Hände führen zu einer Aktivierung des ganzen Körpers. Allmählich wird man die Fülle und den Rhythmus der Atmung spüren – die Poren am ganzen Körper öffnen und schließen sich. „Jemand, der sich in der Kampfkunst übt, muss erlernen, wie man mit dem Körper atmet“, sagte Xue Dian[iii] einmal. Die wunderbare Wirkung der Körperatmung kann man beim Üben des Piquan erfahren.

Viele Leute haben einen verborgenen Krankheitsherd in sich. Durch das Training der Atmung in der Piquan[iv] -Technik kann man dies im Keim ersticken. Außerdem: Gerade wenn man älter wird und die körperliche Kräfte nachlassen, sollte man durch das Üben der Atmung das Qi – die Lebensenergie auffüllen.

Piquan als Grundlagenübung

Eine gesunde Atmung ist die Grundlage des Kampfkunsttrainings. Daher übt man im Xingyiquan zuerst das Piquan. Im Piquan ist eigentlich schon der Ablauf des Zuanquan[v] enthalten. Wenn man das Piquan beherrscht, ist es anschließend relativ einfach, das Zuanquan zu lernen. Genau wie es heißt: „Metall bring Wasser hervor“[vi]. Denn Piquan ist der Wandlungsphase Metall und Zuanquan Wasser zugeordnet. Hingegen wäre es vergleichsweise schwierig, eine ganz neue Struktur einer Kampftechnik, wie z.B. das Bengquan[vii] zu erlernen.

Piquan wirkt sich aufbauend auf die Lunge aus. Die Bewegung der beiden Arme eines Menschen hat eine direkte Wirkung auf die Lunge. Ein Beispiel ist die Morgengymnastik für Schulkinder, bei der die Übungsanweisungen über Lautsprecher erfolgen: Beim Weitmachen der Brust und den Streckübungen erreicht man durch Armbewegungen ein Training der Atmung bzw. eine Stärkung der Lunge.

Zuanquan und das Training der Beine

Die Beine wiederum sind den Nieren zugeordnet. Wenn ein Mann an Impotenz leidet, so spricht man in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) von einem „Mangel an Wasser der Nieren“. Wenn man von der Kampftechnik des Zuanquan spricht, so geht es um das Training der Ellbogen oder aber der einzelnen Fingerglieder. Spricht man jedoch von der Übungsmethode im Sinn der Selbstkultivierung, dann geht es beim Zuanquan um das Training der Beine: Man stärkt die Funktion der Beine und zielt dabei auf die Funktion der Nieren ab.

Daher verläuft die Schrittarbeit beim Zuanquan nicht geradlinig vor und zurück, sondern in Spiralen nach vorne, wodurch die Beine eine entspannte Bewegungsfreiheit erhalten. Auf diese Weise herrscht Fülle beim Qi der Lunge und dem Wasser der Nieren. Erst wenn die Funktionen von Ober- und Unterkörper in gleicher Weise gestärkt sind, kann man zu fortgeschrittenen Übungen übergehen. Darum muss man nach dem Piquan im Anschluss das Zuanquan trainieren.

Empfindungen und Illusionen

In der Phase des Piquan-Trainings wird man in jedem Fall auf folgende Phänomene stoßen: Man hat die Empfindung, dass die Haut dicker wird – wie die eines Elefanten. Und man meint, dass die Finger so dick sind wie Karotten, während sich das Zentrum der Hand wie ein kleiner Wirbel anfühlt – sämtliche Finger ziehen sich spontan fest zusammen und wollen sich nicht mehr öffnen… Das alles sind Illusionen. Weil der Körper reichlich Lebensenergie Qi ansammelt, wandelt sich die Stimmung und man hat den Wunsch nach mehr Aktivität. Man beschäftigt sich mit diesem und mit jenem. Es ist wie bei einem Kind – man macht alles voller Elan. Das ist eine Phase, die man durchlaufen muss. Wenn man das selbst bei sich bemerkt, so bedeutet dass, dass man mit seinen Bemühen auf dem richtigen Weg ist.

Wenn es soweit ist, braucht man nicht mehr an einem offenen Platz zu trainieren. Im Xingyiquan gibt es seit den alten Zeiten die Regel, dass „jede Stelle für das Üben der Kampftechniken geeignet ist, an der sich ein Rind niederlegen kann“. Man trainiert einfach dort, wo genügend Platz für die Schrittarbeit ist. Das Training an einem offenen Platz ist nur ein praktisches Mittel, um sich mit den Grundlagen besser zurechtzufinden.

Unser Xingyiquan geht auf die Tradition von Li Cunyi[viii] zurück. Unser oberstes Ziel ist, das Land zu verteidigen und die eigene Familie zu beschützen, nicht Streit zu suchen. Meister Tang sagte: „Bist du aggressiv, bin ich ängstlich. Bist du ängstlich, bin ich noch ängstlicher als du – nur so jemand ist mein Schüler.“

Mut und Können, die man in der Kampfkunst erwirbt, sollten dem eigenen Land dienen. Im Fall persönlicher Streitigkeiten sollte man am besten so tun, als ob man feige wäre. Was das Training des Piquan anbetrifft, so darf man das nicht an einem Platz mit vielen Menschen machen und man darf auch nicht anderen den Platz wegnehmen. Wenn man auf jemanden trifft, der Streit sucht, darf man sich nicht auf einen Vergleichskampf einlassen. Man muss lernen jemanden mit vernünftigen Gründen zu überzeugen – mit Tugendhaftigkeit. Man sollte sich seine Zeit fürs Training sparen und nicht damit verschwenden, sich nicht in Streitereien verwickeln zu lassen.

Wandlungsphasen des Trainings

Mit dem Piquan trainiert man die Atmung. Daher braucht man schon ein Jahr, bis man die entsprechenden Fertigkeiten beherrscht. Dabei werden zunächst Krankheiten überwunden und anschließend der Körper gestärkt. Durch das Training der Atmung, baut man die Lebensenergie Qi auf. Das wirkt sich auch auf das Gehirn positiv aus und man wird häufig Eingebungen haben. An diesem Punkt findet man unendlichen Gefallen am Üben der Kampfkunst.

Wasser zieht es nach unten, es fließt bergab. Nachdem man das Zuanquan beherrscht, wird daher der Mensch in seinem Wesen ausgeglichener und zurückhaltender werden. Die Haut wird sich besser anfühlen, die Stimme wird sehr angenehm und die Konzentration des Herzens wird sich stark erhöhen. Früher konnten die Kampfkunstmeister der alten Generation weder lesen noch schreiben, aber sie waren von edlem Gemüt und verfügten über große Selbstbeherrschung. Weil das Xingyiquan eine innere Kampfkunst ist, führt es nicht nur zu körperlichen Umstrukturierungen sondern auch zu einer geistigen Reorganisation.

Echte Fertigkeiten aus den Grundlagenübungen

In der Kampfkunst entwickeln sich die echten Fertigkeiten stets aus den Grundlagenübungen. Dazu muss man einiges ertragen können. Als Mensch ist das Grundlegendste ehrlich und zuvorkommend zu sein, man muss sich in Duldsamkeit üben. „Im Alter sollte man ruhig ein bisschen verrückt sein, in der Jugend sollte man auf dem Teppich bleiben“, so heißt es. Wenn die alten Leute sich immer nur auf die Einhaltung der Regeln pochen, habe es die jungen Leute sehr schwer. Daher sollten alte Leute möglichst aufgeschlossen und ungezwungen sein. Junge Leute sollten indes unbedingt die Regeln der Höflichkeit einhalten. Nur so kann sich Harmonie einstellen, und nur so kann die Tradition fortgesetzt werden.

Der Charakter eines Menschen und die Methodik einer Kampfkunst ergänzen und bedingen sich gegenseitig. Meister Tang hat mein Leben verändert. Nach so vielen Jahren bleibt mir nichts anderes, als etwas darüber zu schreiben, um meine Dankbarkeit gegenüber meinem Lehrer auszudrücken.

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Zu Teil 1.


 

[i] Xu Haofeng 徐皓峰 auch 徐浩峰 (geb. 1973): ist Regisseur, Drehbuchautor sowie Autor von Wuxia-Romanen und Berichten über Kampfkünsten. Mit Shiqu de Wulin 逝去的武林, „Vergangene Welt der Kampfkunst“, ist er der Vorreiter einer Literaturgattung in China, die sich speziell mit Augenzeugenberichten und dem Erleben von Kampfkünstlern beschäftigt. Das Buch besteht aus Aufzeichnungen von mündlichen Schilderungen des Xingyiquan-Meister Li Zhongxuan (1915-2004). Ein weiteres Werk dieser Gattung ist Dachen ruo que, 大成若缺, „Großes Können gleicht einem Makel“, über den Dachengquan-Meister Wang Jianzhong (geb. 1955). Einem größeren Publikum bekannt aber wurde der Absolvent der Beijing Film Academy durch sein filmisches Schaffen. 2013 arbeitete an dem Drehbuch des Wong Kar Wai-Films „The Grandmaster“ mit. Bereits 2011 hatte er als Autorenfilmer selbst Platz auf dem Regiestuhl genommen und den recht umstrittenen Kampfkunstfilm „The Sword Identity“ gedreht. 2012 folgte „Judge Archer“ und Ende 2015 wird „The Master“ aufgeführt.  

[ii] Li Zhong Xuan 李仲轩 (1915-2004) aus dem Kreis Ninghe, der zur Küstenstadt Tianjin gehört, lernte von Tang Weilu, Xue Dian und Shang Yunxiang das Xingyiquan. Li stammte aus einer angesehenen Beamtenfamilie, gab aber freiwillig die Chance auf eine eigene Karriere im Staatsdienst auf, da sich der Tradition nach Kampfkünstler von offiziellen Posten fernhalten sollten. Er gilt als letzter Schüler von Shang Yunxiang, der ihn nur unter der Bedingung annahm, dass Li seine Kunst nicht weitergeben würde. Daran hielt sich und hatte zeitlebens keine Schüler. Einen Einblick über seine Kunst und seine Erfahrungen geben die Aufzeichnungen von Xu Haofeng, die Xu zu dem Buch逝去的武林Shiqu de Wulin – „Vergangene Welt der Kampfkunst“ – zusammengefasst hat.

[iii] Xue Dian 薛颠 (1887-1953) berühmter Xingyiquan-Meister in der Ära der chinesischen Republik (1912-1949), Schüler von Li Cunyi.

[iv] Piquan – 劈拳 „spaltende Faust“, Pi-Technik – die erste der Grundtechniken der Fünf Wandlungsphasen im Xingyiquan. In der Regel handelt es sich um einen von oben nach vorne und unten geführten Hieb mit der offenen Hand. Die Technik ist der Wandlungsphase Metall zugeordnet, wobei häufig als Analogie ein Hieb mit einer Axt als Erklärung herangezogen wird. Bei den menschlichen Organen wiederum wird die Lunge mit der Wandlungsphase Metall in Verbindung gebracht. Daher kommt es zu der Assoziation, dass Piquan besonders die Lunge bzw. die Atmung stärke.

[v] Zuanquan 钻拳 – „bohrende Faust“, Zuan-Technik, die zweite der Grundtechniken der Fünf Wandlungsphasen im Xingyiquan. Zuanquan ist der Wandlungsphase Wasser und damit unter den menschlichen Organen den Nieren zugeordnet.

[vi] Die Fünf Wandlungsphasen haben einen Kreislauf der gegenseitigen Schöpfung und einen der gegenseitigen Überwindung. Der Kreislauf der Schöpfung sieht wie folgt aus: Metall bringt Wasser hervor, Wasser bringt Holz hervor, Holz bringt Feuer hervor, Feuer bringt Erde hervor und Erde bringt wiederum Metall hervor. Der Kreislauf der Überwindung: Metall überwindet Holz, Holz überwindet Erde, Erde überwindet Wasser, Wasser überwindet Feuer und Feuer überwindet schließlich Metall.

[vii] Bengquan 崩拳 „berstende Faust“, Beng-Technik – eine der Techniken der Fünf Wandlungsphasen im Xingyiquan. Bengquan ist der Wandlungsphase Holz zugeordnet.

[viii] Li Cunyi 李存义 (1847-1921) lernte zunächst von Liu Qilan Xingyiquan. Er trainiert mit Guo Yunshen, Dong Haichuan und war mit Cheng Tinghua, einem der bedeutendsten Schüler von Dong Haichuan, befreundet. Er war eine Zeit lang Vorsteher der Leibwache des Gouverneurs von Jiangsu und Jiangxi. Li gründete einen eigenen Eskortendienst Wantong Biaoju. Er nahm am Boxeraufstand im Jahr 1900 teil. Seine berühmtesten Schüler waren Shang Yunxiang und Sun Lutang.

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So sollte sich ein Mann in der Welt behaupten – Teil 1 https://sinoblog.de/2015/12/06/li-zhongxuan-so-sollte-sich-ein-mann-in-der-welt-behaupten-teil-1/ https://sinoblog.de/2015/12/06/li-zhongxuan-so-sollte-sich-ein-mann-in-der-welt-behaupten-teil-1/#respond Sun, 06 Dec 2015 16:56:01 +0000 https://sinoblog.de/?p=173 Meister Tang Weilu trug gerne eine weiße Mandschu-Jacke. An jenem Tag hatte er eine Schüssel Nudeln mit Soße in der Hand. Während er aß, gab er gleichzeitig Anweisungen zum Xingyiquan. Wir Schüler waren allesamt sehr frech. Alle auf einmal stürzten wir uns auf ihn und rempelten ihn an. Wir wollten seine weiße Jacke mit den Nudeln und der Soße in seiner Hand dreckig machen. Er setzte weder Hand- noch Fußtechniken ein. Er drehte sich einmal im Kreis und brachte uns alle zu Fall.

Aus 逝去的武林 – „Vergangene Welt der Kampfkunst“ – von Xu Haofeng[i] nach den mündlichen Erzählungen von Li Zhongxuan[ii], Nanhai-Verlag (Hainan), 2. Aufl. 2011
Li Zhongxuan im Alter von 89 Jahren vor seinem Haus.

Li Zhongxuan im Alter von 89 Jahren vor seinem Haus.

Meister Tang Weilu[iii] sagte, es handele sich bei den Techniken um Schulter-, Hüft- und Gesäßstöße des Xingyiquan. Hierbei streife man den Gegner nur kurz, und führe nicht wie bei Handtechniken eine vom eigenen Körper weggerichtete Schlagbewegung aus. Würde man schwingende Hüft- bzw. Gesäßbewegungen ausführen oder die Schulter weit vorrecken, so sähe das schrecklich aus. Daher sollten diese Techniken für die kurze Distanz einer Libelle gleichen, die kurz das Wasser berührt: kurze, blitzartige Bewegungen hintereinander.

Eines Tages wurde Meister Tang von einem Pferdekarren aufgehalten. Der Kutscher war jemand, der sich in den Kampfkünsten übte. An dem Wagengestell war ein eiserner Ring befestigt. Der Kutscher haute mit seinem Arm einmal kurz auf den Ring, der daraufhin verbogen war. Er fragte: „Meister Tang, kannst Du den Ring mit einem Schlag wieder gerade richten?

Meister Tang sagte: „Dein Arm ist härter als der Eisenring. Da haue ich doch nicht auf den Ring, sondern wir schlagen gleich die Arme gegeneinander!“ Als sie die Arme gegeneinander schlugen, schrie der Kutscher mehrmals vor Schmerzen. Er starrte mit leerem Blick auf den Arm von Meister Tang. Tang Weilu sagte: „Als dein Arm gegen meinen prallte, machte ich eine kurze schraubende Bewegung mit meinem. Es mag wohl so aussehen, als ob wir einfach mit den Armen gegeneinander gehauen hätten, tatsächlich aber habe ich gegen deinen eine Schlagtechnik eingesetzt.“

Später erklärte Meister Tang seinen Schülern [Tudi[iv]], dass diese schraubende Bewegung nicht nur mit dem Arm sondern mit dem ganzen Körper ausgeführt werden muss. Durch dieses Schrauben vor und zurück versteht man es dann, die Ganzkörperkraft einzusetzen. Die Kraft wird im Xingyiquan nicht auf einer geraden Linie eingesetzt.

Traditionelle Unterweisung und familiäre Komplikationen

Meister Tang unterrichtete mich nach der alten Methode, da gab es ganz viele Regeln. Man musste unbedingt darauf achten, in einem ummauerten Innenhof zu üben. Kein Dritter durfte dabei zuschauen. Zudem musste man nachts üben – abgesehen von der Geheimhaltung, diente dies auch dazu, das Auge zu schulen. Um diesen Anforderungen zu entsprechen, war meiner Ansicht nach nur der Ahnenhalle der Familie meiner Schwiegermutter (der Familie Wang) geeignet. Daher verabredete ich mich mit Meister Tang dort zum Unterricht. Manchmal brachte er auch andere Schüler mit. Da ging es in der Ahnenhalle hoch her.

Dort habe ich auch einen Freund kennengelernt, mit dem man durch dick und dünn gehen konnte: meinen jüngeren Mitschüler Ding Zhitao. Er konnte viel mehr essen als andere, deswegen nannte ich ihn „Reistopf“. Ich sehe überhaupt nicht wie jemand aus, der die Kampfkünste trainiert, aber er sah genau wie so jemand aus. Ein großer Kerl mit wütendem Blick – einfach einschüchternd. Von früh bis spät konnte er seinen Wunsch, sich mit jemand in der Kampfkunst zu messen, nicht im Zaum halten.

Aber er hatte das Herz am rechten Fleck und war immer aufrichtig zu mir. Wir beide wurden Schwurbrüder. Ich lehnte eine Heirat ab, die jemand anders für mich arrangiert hatte, und nahm Dings jüngere Schwester zur Frau. Er war ein leicht reizbarer Charakter. Später dann kam es zu einem Vorfall, bei dem er ums Leben kam.

Mein Vater hatte den Habitus eines unkonventionellen Gelehrten. Er liebte es, Reisen mit gebildeten Leuten zu Sehenswürdigkeiten zu organisieren. Wenn er nach Nanjing oder Shanghai ging, hielt er sich dort lange auf. Er war nur sehr selten zu Hause. Als er einmal heimkam und die vielen fremden Leute in der Ahnenhalle sah, machte er ein langes Gesicht. Meister Tang kam danach nicht wieder dorthin.

Weil ich mich in der Kampfkunst übte, kam es zu großen Konflikten zwischen mir und meinem Vater. Eine Zeit lang war die Beziehung sogar vollkommen angespannt. Das Temperament eines Gelehrten ist nun mal so: Sobald er sich einmal aufregte, konnte er sich nicht mehr im Zaum halten. Ich hielt es nicht länger in Ninghe aus. Meister Tang meinte, er wäre schuld an der verfahrenen Situation und schickte mich nach Beijing zu Shang Yunxiang[v] zum Unterricht. Zumindest hatte ich damit einen Unterschlupf.

Junger Schüler eines alten Meisters

Aufgrund des allzu großen Altersunterschieds wollte Meister Shang mich zunächst nicht als Schüler annehmen. Er sagte zu Meister Tang: „Ein alter Lehrer und ein junger Schüler – da werde ich für ihn später mal den Opa spielen!“ Meister Tang meinte immer wieder: „Er ist der Sohn eines Gelehrten und wirklich in Ordnung.“ Danach erzählte er ihm meine ganze Geschichte. Shang Yunxiang hatte wohl das Gefühl, dass ich Mumm in den Knochen hatte, und nahm mich an. Die Aufnahmezeremonie als Schüler wurde schon kurz darauf abgehalten. Er forderte von mir, dass ich einen Schwur tat, keine Schüler anzunehmen, wenn ich einmal selbst zur Meisterschaft gelangen würde.

Später hätte ich die Möglichkeit gehabt, in den Staatsdienst einzutreten. Meister Tang erlaubte das nicht. „Nach den aus dem Altertum überkommenen Regeln darf kein Schüler der Kampfkunst mehr zur Gemeinschaft der Kampfkünstler zurückkehren, sobald er in den Staatsdienst eingetreten ist“, sagte Tang.

Stehende Säule und Kampfkunst

Es gibt da einen Satz, der lautet: „Wenn man Selbstkultivierung betreibt, übt man nicht die Kampfkunst.“ Dabei herrscht die Ansicht vor, das mit dem Begriff „Selbstkultivierung“ die stehende Säule – Zhanzhuang – gemeint ist. „Kampfkunst“ bezieht sich dann auf das Training von angewandten Kampftechniken. Der Satz würde demnach also bedeuten, dass man dann jeweils nur die stehende Säule und nicht die Kampftechniken übte – ein Missverständnis, das Anfängern häufig unterläuft. Der entscheidende Punkt bei der stehende Säule liegt darin, „es einem Insekt gleichzutun“: Im Winter bohren sich manche Insekten in die Erde und wirken dann wie tot. Zum Frühlingsanfang beginnt sich in der Erde das Leben zu rühren und die Insekten bewegen sich wieder. Beim Zhanzhuang geht es darum, diese Art von Lebenskraft durch das Stehen zu erlangen – wie ein Insekt, das aufwacht und sich zu rühren beginnt. So verspürt man Energie am Körper. Die stehende Säule bringt einem unendlich viel Nutzen – dabei geht es um Selbstkultivierung. Tatsächlich handelt es sich auch beim Üben von Kampftechniken um Selbstkultivierung. Im Xingyiquan gilt es, „durch das Kultivieren der Essenz – Jing, diese in Lebensenergie – Qi umzuwandeln, durch das Kultivieren der Lebensenergie diese in Geist – Shen umzuwandeln und den Geist zur Leere – Xu zurückzuführen“[vi]. Qi[vii] bedeutet auch Atem, aber das ist hier nicht gemeint. Wenn ein Mann maskulin und lässig oder eine Frau anmutig und attraktiv erscheint, dann liegt das an der Wirkung des Qi. Das ist genau das, was man „vor Lebenskraft strotzen“ nennt. Was Qi in der Bedeutung von Atem angeht, so nennt man das Xi[viii] – Atmung. Beim Piquan[ix] trainiert man die Atmung (ich spreche hier nicht von der angewandten Kampftechnik, sondern beziehe mich nur auf die Solo-Übungsmethode des Piquan).

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Zu Teil 2.


[i] Xu Haofeng 徐皓峰 auch 徐浩峰 (geb. 1973): ist Regisseur, Drehbuchautor sowie Autor von Wuxia-Romanen und Berichten über Kampfkünsten. Mit Shiqu de Wulin 逝去的武林, „Vergangene Welt der Kampfkunst“, ist er der Vorreiter einer Literaturgattung in China, die sich speziell mit Augenzeugenberichten und dem Erleben von Kampfkünstlern beschäftigt. Das Buch besteht aus Aufzeichnungen von mündlichen Schilderungen des Xingyiquan-Meister Li Zhongxuan (1915-2004). Ein weiteres Werk dieser Gattung ist Dachen ruo que, 大成若缺, „Großes Können gleicht einem Makel“, über den Dachengquan-Meister Wang Jianzhong (geb. 1955). Einem größeren Publikum bekannt aber wurde der Absolvent der Beijing Film Academy durch sein filmisches Schaffen. 2013 arbeitete an dem Drehbuch des Wong Kar Wai-Films „The Grandmaster“ mit. Bereits 2011 hatte er als Autorenfilmer selbst Platz auf dem Regiestuhl genommen und den recht umstrittenen Kampfkunstfilm „The Sword Identity“ gedreht. 2012 folgte „Judge Archer“ und Ende 2015 wird „The Master“ aufgeführt.

[ii]Li Zhong Xuan 李仲轩 (1915-2004) aus dem Kreis Ninghe, der zur Küstenstadt Tianjin gehört, lernte von Tang Weilu, Xue Dian und Shang Yunxiang das Xingyiquan. Li stammte aus einer angesehenen Beamtenfamilie, gab aber freiwillig die Chance auf eine eigene Karriere im Staatsdienst auf, da sich der Tradition nach Kampfkünstler von offiziellen Posten fernhalten sollten. Er gilt als letzter Schüler von Shang Yunxiang, der ihn nur unter der Bedingung annahm, dass Li seine Kunst nicht weitergeben würde. Daran hielt sich und hatte zeitlebens keine Schüler. Einen Einblick über seine Kunst und seine Erfahrungen geben die Aufzeichnungen von Xu Haofeng, die Xu zu dem Buch 逝去的武林 Shiqu de Wulin – „Vergangene Welt der Kampfkunst“ – zusammengefasst hat.

[iii] Tang Weilu 唐维禄 (1868-1944): stammt aus dem Bezirk Ninghe, der zur Stadt Tianjin gehört. Er war Schüler von Li Cunyi 李存义 (1847-1921), der u.a. unter dem Xingyiquan-Großmeister Guo Yunshen 郭云深(1820-1901) gelernt hatte. Sein Spitzname in年 Kampfkunstkreisen lautete Beibatian 北霸天, „Hegemon der nördlichen Hemisphäre“. Zusammen mit Sun Lutang 孙禄堂 (1861-1933), dem Gründer des Sun-Taijiquan, wurde er als einer der „Zwei Lu“ 二禄 (nach dem Zeichen 禄lu das in beiden Namen vorkommt) bezeichnet. Als er als Schüler von Li Cunyi angenommen wurde war Tang bereits im mittleren Alter. Nur aufgrund seiner Willenskraft konnte er die mit seinem Alter verbundenen Einschränkungen überwinden und gilt damit als ein Ausnahmefall. Später zog er sich aufs Land zurück und half insgeheim beim Aufbau des Ablegers des Zentralinstituts für Chinesische Kampfkunst (1928 in Nanjing gegründet) in Tianjin mit. Er setzte seine Kräfte auf die Verbreitung des Xingyiquan unter dem einfachen Volk in der Provinz Hebei ein.

[iv] Tudi 徒弟: eingeweihter Schüler/Lehrling, der den Kotau vor seinem Lehrer gemacht hat, und künftig seinen Lehrer 师父shifu „Lehrer-Vater“ nennt. 拜师baishi, die Anerkennung des Lehrers bzw. die Aufnahme als Tudi folgt dem Zeremoniell nach dem gleichen Muster wie eine Adaption und stellt in der Regel ein vergleichbar enges Verhältnis her.

[v] Shang Yunxiang尚云祥 (1864-1937) war wie Tang Weilu zunächst Schüler von Li Cunyi, um dann später von Xingyiquan-Großmeister Guo Yunshen zu lernen. Shang war für seine Bein- bzw. Schritttechnik berühmt und erhielt den Spitznamen „der Buddha mit den Beinen aus Eisen“. Außerdem spezialisierte Shang Yunxiang sich auf die Technik Bengquan – „berstende Faust“.

[vi] 练精化气,炼气化神,练神还虚。

[vii]

[viii]

[ix] Piquan – 劈拳„spaltende Faust“, Pi-Technik – die erste der Grundtechniken der Fünf Wandlungsphasen im Xingyiquan. In der Regel handelt es sich um einen von oben nach vorne und unten geführten Hieb mit der offenen Hand. Die Technik ist der Wandlungsphase Metall zugeordnet, wobei häufig als Analogie ein Hieb mit einer Axt als Erklärung herangezogen wird. Bei den menschlichen Organen wiederum wird die Lunge mit der Wandlungsphase Metall in Verbindung gebracht. Daher kommt es zu der Assoziation, dass Piquan besonders die Lunge bzw. die Atmung stärke.

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